Berlin : Hanna Wolfenstine, geb. 1925

Ursula Engel

Hannas Großvater, Moses Wolfenstein, hatte in Berlin einen Textilhandel gegründet und ein Kaufhaus gebaut, der Vater Kurt hatte mit der Mutter Claire das Geschäft übernommen. Das Kaufhaus, das sich in der Steglitzer Bergstraße, heute Düppelstraße befand, lief gut. Die ersten Lebensjahre der kleinen Hanna waren behütet und fröhlich, eine sonnige, sorgenfreie Zukunft schien auf das Mädchen zu warten. Aber sie war eine Jüdin. Eine Jüdin in Deutschland.

Neben dem florierenden Geschäft war die Religion ein fester Bezugspunkt der Familie. Der Großvater hatte 1878 mit 13 anderen Steglitzern den jüdischen Religionsverein Steglitz gegründet. Die Gebetsstätten waren zunächst provisorisch. Man traf sich im Hinterzimmer einer Gaststätte, dann in einer Schule. Bis Moses Wolfenstein 1897 das Lagerhaus auf seinem Grundstück in der Düppelstraße 41 zu einer Synagoge umbauen ließ. Es war die erste in Steglitz.

Um die Jahrhundertwende wurden die Gärten um die Synagoge herum mit Mietshäusern bebaut. Ein Zufall, der 1938 zum Glücksfall wurde. Die Synagoge in Steglitz wurde in der Pogromnacht am 9. November nicht angezündet. Die meisten anderen Berliner Synagogen gingen in Flammen auf. "Im ersten Stock war eine Tischlerei, das hätte gebrannt wie Zunder. Sie haben es sein lassen, weil die Nachbarhäuser zu dicht dran standen", erinnerte sich Hanna Wolfenstine, als sie 50 Jahre später auf Einladung des Senats in Berlin war, um die Orte zu besuchen, an denen sie als Kind gelebt hatte.

Hanna Wolfenstine erinnerte sich auch daran, dass ihre Mutter Claire in letzter Minute die Thora und die Gebetsbücher aus der Synagoge rettete. Heute sind die religiösen Gegenstände in den USA und in Südamerika.

Für Kurt Wolfenstein und seine Familie war die Pogromnacht im November 1938 das letzte Signal zur Flucht. Die 13-jährige Hanna und ihr zwei Jahre älterer Bruder Manfred sollten als erste das Land verlassen. Die Familie hatte einen Kontakt zu Quäkern in England. Zur Reisevorbereitung kam eine Quäkerin nach Berlin. Just an diesem Tag gab es einen großen Streit zwischen Hanna und ihrem Bruder. Die Quäkerin entschied sich, nur ein Kind, nämlich Manfred, mit nach England zu nehmen.

Hanna blieb mit ihren Eltern noch einige Monate in Deutschland und erlebte den wachsenden Antisemitismus. Erst ein Jahr später, im Dezember 1939, konnten die Wolfensteins eine der letzten Gelegenheiten nutzen, das Land zu verlassen. Das Land, dessen "Führer" im selben Jahr von der "Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa" gesprochen hatte.

Aus der Deutschen Hanna Wolfenstein wurde schnell die Amerikanerin Hanna Wolfenstine. Doch die Jugend in Berlin vergaß sie nicht. 1950, damals hätte das "Kaufhaus Wolfenstein" in Steglitz sein 100-jähriges Bestehen feiern können, kam sie zu einem ersten Kurzbesuch nach Berlin. Danach reiste Hanna Wolfenstine immer wieder nach Deutschland und Europa. 1989 lernte sie bei einem Besuch in Berlin Christa Langenbeck kennen, die sich in der Intitiative "Haus Wolfenstein" engagiert. Eine Initiative, die sich für die Erhaltung der Synagoge in der Düppelstraße einsetzt.

Hanna Wolfenstine, die lebenslustige Amerikanerin und Christa Langenbeck, die am Lietzensee aufgewachsene Berlinerin, mochten sich von Anfang an. "Hanna war so unbefangen. Es verband uns etwas, was man schwer beschreiben kann. Vielleicht eine Seelenverwandtschaft", sagt Christa Langenbeck. Die beiden Frauen schrieben sich und telefonierten oft. Wenn Hanna in Deutschland war, trafen sie sich.

Die Postkarten, die sich die beiden schrieben, trudelten zumeist an den üblichen Feier- und Geburtstagen ein. Sie waren eher kurz gehalten. So wie die Karte, die Christa Langenbeck zu Ostern 2000 erhielt. Kurz war auch der Satz, den Hanna Wolfenstine an den Rand der Karte geschrieben hatte: "The cancer came back" (Der Krebs ist zurückgekehrt).

Ein paar Jahre zuvor hatte sie gehofft, die Krankheit besiegt zu haben. Sie wusste, was der neue Ausbruch bedeutete. Schließlich hatte sie den Krebsspezialisten Max Trost geheiratet. Ihre Fröhlichkeit, sagt Christa Langenbeck, verlor sie dennoch nicht. Dann, im Januar ging alles ganz schnell. Bei ihrem letzten Gespräch merkte die Berliner Freundin, dass es ihr nicht gut ging. "Sie wirkte erschöpft." Am Telefon Hilfe und Trost zu spenden, war schwer. Nun spielte die Entfernung plötzlich doch eine Rolle. Eine Geste, eine Berührung wären leichter gewesen. "Ich wollte sie in den nächsten Tagen anrufen." Doch der Anruf von Hannas Mann kam ihr zuvor. Hanna Wolfenstine war gestorben.

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