Berlin : Hannelore Hertwig von Oelhafen (Geb. 1928)

„Gnä’ Frau“, beharren die Österreicher, „Sie stammen gewiss aus Vorarlberg“

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Schauen Sie sich nur alle Fotos an. Haben Sie schon das gesehen, auf dem meine Frau so wunderschön lächelt? Oder dieses, im Dirndl auf der ITB? Dirndl musste sie in ihrem Beruf oft tragen. Und hier, auf dem, kann man ihr volles rotes Haar erkennen.“ Die Bilder liegen ausgebreitet auf dem Tisch. Hannelore im Gespräch mit Diepgen, mit Weizsäcker, mit anderen Herren, denen sie Sektgläser reicht. „Bemerken Sie etwas? Genau, ständig sind Männer um sie herum. Sie war zurückhaltend und äußerst liebenswürdig, hat aber immer bekommen, was sie wollte. Die Männer fraßen ihr aus den Händen.“ So funktioniert es, in dieser Verbindung, Charme und Stärke. Obwohl viele Herren zunächst noch skeptisch sind: Eine Frau in dieser Position. 1988, 14 Jahre, nachdem Hannelore das Büro am Tauentzien übernommen hat, sind noch alle anderen Zweigstellenleiter der Österreichischen Fremdenverkehrswerbung männlich.

Dazu kommt: Sie ist Deutsche. Was ihr viele Österreicher kaum glauben. „Gnä’ Frau“, beharren sie, „Sie stammen gewiss aus Vorarlberg.“ Hannelore kennt sich einfach zu gut aus in Österreich. Weiß über die Berge und Flüsse und Städte scheinbar alles. Sollte es jemanden interessieren, sagt sie ihm, wie hoch Bregenz überm Meeresspiegel liegt. Außerdem trinkt sie so gern Welschriesling und Blauburger, isst Backhendl und Buchteln. Sie fährt draufgängerisch Ski, rast im Schuss durch den Neuschnee, stürzt über einen verborgenen Stein und zieht sich einen vierfachen Beinbruch zu.

Aus Österreich kommt in ihrer Familie niemand. Es gab Urahnen in der Schweiz, Patrizier mit einem eigenen Wappen.

Ihr Vater ist Syndikus eines Unternehmens in Erlangen; dort kommt sie zur Welt. 1931 wird der Vater als Konsul nach Südwestafrika berufen. Sie führen dort ein elegantes Leben, der Vater fährt Mercedes, die Mädchen tragen weiße Kleider und bekommen vom schwarzen „Boy“ Limonade serviert. Hannelore geht zur Schule, träumt davon, auf der Bühne zu stehen und ist zu jung, den deutschen Irrsinn zu verstehen.

Ab 1939 ändert sich das. Der Vater muss zurück, die Familie zieht nach Berlin, der Vater stirbt 1943, die Mutter muss sich und die vier Kinder allein durchbringen. Bomben fallen auf die Stadt, sie fliehen nach Ostpreußen und dann weiter nach Prag, können nirgends bleiben, schlagen sich durch bis Berlin, kauern im Luftschutzkeller.

Anfang Mai 1945 kommen russische Soldaten in den Raum. Hannelore kriecht unter eine Pritsche, ein Soldat bemerkt sie, nähert sich. Der ehemalige Apotheker der Straße kann das Weitere verhindern. Er tritt vor und zeigt seinen gelben Stern.

Auf die Bühne will Hannelore nach wie vor. „Du hast eine schöne Stimme“, hat ihr eine Lehrerin gesagt, sie nimmt Gesangsstunden, entwickelt einen passablen Koloratursopran, tingelt durch Theater, aber der Durchbruch ins große Opernfach gelingt ihr nicht. Also trifft sie eine Entscheidung, klar und konsequent: Schluss mit der Singerei; stattdessen besucht sie eine Handelsschule. Die Österreicher wollen sie nach der Ausbildung schnell haben, zuerst als Assistentin, dann als Leiterin des Berliner Büros.

Sie fährt von Kärnten nach Tirol, spaziert auf dem Wiener Ring, steigt auf die Festung Hohensalzburg, referiert, organisiert, steht auf Messen und muss mit 60 aufhören zu arbeiten, so schreiben es die Österreicher ihren Frauen vor. Also schaut sie sich nach etwas Neuem um, gründet einen Presseverein, beginnt zu schreiben, Reiseberichte über Schweden, Brüssel, Ägypten, die polnische Ostseeküste, organisiert Kinderfahrten nach Österreich, regt die Gründung von Kinderhotels an, erhält das Bundesverdienstkreuz, engagiert sich im Skål-Club, einem Tourismusverband.

Als ihr Mann, ein Schauspieler, schwer erkrankt, sagt sie: „Der kommt mir nicht ins Heim“. Sie fragt in Krankenhäusern nach: „Geben Sie mir mal die Namen von Schwestern, die vor Kurzem in Rente gegangen sind“, organisiert die Pflege zu Hause und gibt das Schreiben, das sie so liebt, auf.

Sieben Jahre nach seinem Tod, während eines Treffens im Skål-Club, sieht sie einen Mann, der ganz verloren dasitzt, blass und traurig. Seine Frau ist gerade gestorben. „Sie kam auf mich zu“, erzählt der Mann später, „und sagte: ‚Wenn Sie mal sprechen wollen, rufen Sie mich an.’ Ich rief sie an. Na ja, und dann kam die Liebe.“ Er schiebt die Fotos auf dem Tisch zusammen. Hannelore auf einem Schiff. Hannelore im Schnee, mit einer weißen Fellmütze, wie eine russische Prinzessin. „Sie war eine Dame. Eine ganz und gar selbstbestimmte Person. Die Parkinson-Erkrankung begann dann, ihr etwas von dieser Selbstbestimmung zu nehmen. Aber nur körperlich. Im Geist blieb sie klar und konsequent.“

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