Berlin : Hannelore Kohl: "In Anteilnahme"

Christine-Felice Röhrs

Auf dem Tisch haben all die Blumen keinen Platz. Deshalb stehen sie auf dem Boden daneben, die Vasen mit weißen Lilien, weißen Rosen, weißen Orchideen. Trauergäste haben sie in den vergangenen Tagen hergebracht, ins Foyer der CDU-Zentrale an der Klingelhöferstraße. Hier liegt seit Freitag das Kondolenzbuch aus, in das sich all jene eintragen können, die ihre Anteilnahme ausdrücken möchten: Am vergangenen Donnerstag hat Hannelore Kohl sich das Leben genommen. Aus gesundheitlichen Gründen - die 68-Jährige litt an einer Lichtallergie und konnte das Haus kaum noch verlassen.

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Das Leben der Hannelore Kohl 80 lose Doppel-Blätter waren bis gestern Nachmittag beschrieben. Gebunden werden die Seiten später Helmut Kohl übergeben. Wie genau die Beileidsbekundungen an ihn lauten, das möchte Hausherrin Angela Merkel nicht veröffentlicht sehen. Die meisten sind eher kurz, formell gehalten. Immer wenn die Blätter aus weichem crèmefarbenen Papier gefüllt sind, werden neue nachgelegt. Auf manchen Seiten stehen nur vier oder fünf Texte, andere sind dicht beschrieben. Wieviele Menschen insgesamt sich bisher eingetragen haben - es wurde nicht gezählt. Rechnet man fünf Eintragungen pro Seite, könnten es schon rund 1600 sein.

Alle fünf Minuten öffnen sich am Dienstag die großen Glastüren mit einem leise schleifenden Geräusch und lassen von der Straße Besucher ins stille Foyer - mehr Ältere als Junge, mehr Frauen als Männer. Wie Gerda Müller aus Schöneberg. "Hannelore Kohl war schon verbraucht, bevor sie krank wurde", mutmaßt die 60-Jährige, die sich für den Anlass elegant gekleidet hat. "Ich kann ihr gut nachfühlen, wie anstrengend es ist, jahrzehntelang nur als offizielle Person zu existieren, neben einem so dominanten Mann. Bei mir war es ähnlich, ich bewundere Frau Kohl dafür."

Andere, wie Erika Dobrik, 68, aus Göttingen, würdigen den Mut, den Hannelore Kohl aufgebracht habe, ihrer ausweglosen Situation ein Ende zu setzen, "vielleicht hilft dies als Vorbild anderen, denen es ähnlich ergeht". Erika Hausmann, 59, aus Friedenau, war gekommen, weil private Parallelen sie nachdenklich stimmten - auch ihr Mann leidet an Lichtallergie.

Manche setzen sich noch für eine Weile in die schwarzledernen Sessel rechts an der Wand. Und machen sich Gedanken um Hannelore Kohl, die sie so lange kannten und doch wieder nicht. "Es ist wie bei Christiane Herzog", sagt Georg Schlegel, 66, aus Schöneberg. "Die Damen dieser Generation spielen ihre offizielle Rolle sehr gut, aber über sie persönlich erfährt man erst etwas, wenn sie tot sind. Sie nehmen sich zurück, stellen die Pflichterfüllung über alles." Das sei bewundernswert, aber auch besonders tragisch. Er wolle vor allem dem Witwer sein Beileid ausdrücken: Deshalb habe er geschrieben: "In Anteilnahme".

Bis heute nachmittag sind Eintragungen noch möglich. Nach der Trauerfeier, die in Speyer stattfindet, wird das Kondolenzbuch geschlossen.

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