Berlin : Hannelore Kopp (Geb. 1942)

Es muss was passieren im Leben, alle sieben, acht Jahre etwas Neues.

Ute Krupp

Eigentlich war sie zum Meditationskurs gegangen, um Ruhe zu finden, sich abzulenken von der Krankheit, Multiple Sklerose. Und da fragte sie eine der Teilnehmerinnen, ob sie nicht Interesse hätte, Äbtissin zu werden.

Hannelore Kopp war 59, ein geeignetes Alter, um noch einmal etwas Neues anzufangen. Es muss was passieren im Leben, davon war sie immer überzeugt. Sie gab ihr Geschäft, einen Versandhandel für Handarbeitsartikel, auf, zog nach Obernkirchen ins Damenstift und setzte sich zu feierlichen Anlässen ein Häubchen auf den Kopf. Die Frau aus der großen Stadt sollte das evangelische Frauenhaus bekannt machen, so die Hoffnung derer, die ihr das Amt angetragen hatten. Denn selbst in Obernkirchen war wenig bekannt, was sich hinter den Sandsteinmauern verbarg.

Es gehörte zu den Eigenarten von Hannelore Kopp, alle sieben bis acht Jahre die Stelle oder den Beruf zu wechseln, sich in etwas ganz Neues einzuarbeiten. Nach dem Abitur hatte sie eine Lehre als Industriekauffrau gemacht, danach wechselte sie die Firma, wurde Abteilungsleiterin, dann arbeitete sie bei Burda als Redakteurin für Strickmoden. Nebenbei schrieb sie Handarbeitsbücher. Schließlich eröffnete sie in der Uhlandstraße ihr Geschäft, „Berliner Handarbeiten“.

Im Stift, einem ehemaligen Augustinerkloster, konnte sie sich schnell einarbeiten. Sie lud Musiker aus dem Ausland ebenso wie Musikbegabte aus den Nachbarorten zu Konzerten ein. Die Obernkirchener besuchten gern den Festsaal, das Interesse am Stift wuchs.

Sie habe ständig telefoniert, sagt ihre Sekretärin. Hannelore Kopp war verantwortlich fürs gesamte Anwesen. Mal stand der Kreuzgang unter Wasser, mal musste die Bleiverglasung restauriert werden, mal hielten sich die Stiftsdamen nicht an die Hausordnung.

Stiftsdamen, das sind Frauen, Christinnen, die etwa nach einer Scheidung oder wegen ihrer zu kleinen Rente in das Stift ziehen und dort ein sehr strukturiertes Leben führen. Manche wurden von Männern geschlagen oder misshandelt. Sie erhalten eine großzügige Wohnung und ein Stück Garten, für dessen Pflege sie nun zuständig sind. Sie führen auch Gäste durch die alten Gebäude. Die Madonna aus dem 14. Jahrhundert wird dann gezeigt und der alte Schnitzaltar. Außerdem geht es um die Stiftsdamen vergangener Jahrhunderte. Damals waren das adlige Frauen. Die bekannteste, die in Obernkirchen kochen und nähen gelernt hat, war die Prinzessin Friederike von Hannover, die 1947 Königin von Griechenland werden sollte.

Die Stiftsdamen zu betreuen, ihre Arbeit zu koordinieren, fiel nicht immer leicht, eine musste Hannelore Kopp sogar entlassen. Angenehm waren ihr die offiziellen Anlässe, Hochzeiten in der Stiftskirche zum Beispiel. Das Stift nach außen zu repräsentieren, das gefiel ihr. Sie erschien dann in ihrer Tracht: Langer schwarzer Rock, schwarze Jacke, darüber das Ordensband und auf dem Kopf ein Käppchen mit Schleier.

In der Freizeit kümmerte sie sich um ihre Orchideensammlung. Schon als Kind, sie ist in Freiburg aufgewachsen, hatte sie ein eigenes Gewächshaus. Sie mochte vor allem die kleinen Orchideen, die unscheinbaren.

Äbtissin hätte sie bis zu ihrem siebzigsten Lebensjahr bleiben können. Aber vor zwei Jahren wurde der Krebs diagnostiziert. Sie zog zurück nach Berlin, in eine Wohnung gegenüber einer Freundin, die sich um sie kümmerte. Frau Kopp sei eine Frau der Tat gewesen, hilfsbereit und tapfer bis zum Schluss. Als man ihr mitteilte, dass sie ihre Krankheit nicht überleben werde, fragte sie nur: Werde ich noch die nächste Magnolienblüte in Obernkirchen erleben? Ute Krupp

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