Hans-Christian Ströbele : "Er war bereit, erhebliche Risiken einzugehen"

Der grüne Abgeordnete Hans-Christian Ströbele hat den Berliner Kommunarden und Politclown Fritz Teufel oft als Anwalt vertreten. Im Interview spricht er über dessen Humor, über ein Picknick im Gerichtssaal und über das Erfolgsmodell Kommune.

Hans-Christian Ströbele vertrat Fritz Teufel mehrfach vor Gericht. Den Kontakt zu dem Polit-Aktivisten Fritz Teufel hat bis zu dessen Tod gehalten.
Hans-Christian Ströbele vertrat Fritz Teufel mehrfach vor Gericht. Den Kontakt zu dem Polit-Aktivisten Fritz Teufel hat bis zu...Foto: dpa

Herr Ströbele, was war das Besondere an Fritz Teufel?

Fritz Teufel in der damaligen Zeit eine sehr große Rolle gespielt. Wo andere ganze Bücher schreiben mussten, hat er gesellschaftliche Missstände in nur einem Satz oder in einer Aktion auf den Punkt gebracht. Er war in höchstem Maße aufklärerisch und politisch, auch, wenn er keine großen Reden hielt wie Rudi Dutschke.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Das klassische Bespiel ist natürlich die Szene im Gerichtssaal. Da war ich dabei. Der Vorsitzende Richter forderte ihn auf, aufzustehen. Und Fritz Teufel sagte: „Wenn es denn der Wahrheitsfindung dient.“ Mit nur einem Satz hinterfragte er die althergebrachten Rituale in den Gerichtssälen.

Fritz Teufel
Die Trauerfeier für den prominenten Vertreter der 68er-Bewegung Fritz Teufel fand am Donnerstag, 15. Juli, in der Kapelle des Dorotheenstädtischen Friedhofs statt.Alle Bilder anzeigen
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07.07.2010 10:31Die Trauerfeier für den prominenten Vertreter der 68er-Bewegung Fritz Teufel fand am Donnerstag, 15. Juli, in der Kapelle des...

Ihnen war das als junger Jurist sympathisch, Sie konnten seinen Widerwillen gegen diese Rituale nachvollziehen.

Ja, das hat mir manchmal richtig Vergnügen gemacht. Bei einem Prozess erschienen Teufel und andere mit einem Korb. Um Viertel nach neun breiteten sie dann eine Tischdecke und ihr Frühstück aus. Sie erklärten, um diese Zeit würden sie ja normalerweise auch etwas essen und es sei nicht einzusehen, warum sie das verschieben sollten. Sie haben eine alltägliche Handlung in den Gerichtssaal versetzt, das hat die Leute zum Nachdenken gebracht. Und solche Aktionen gab es viele. Je mehr ich mich wieder mit Teufel beschäftige, desto mehr solcher Geschichten fallen mir ein.

Welche noch?

Sehr bekannt ist ja auch die Geschichte mit dem Pudding-Attentat auf den US-Vizepräsidenten, den die Gruppe schon geprobt hatte, dann aber nicht durchführen konnte. Teufel und die anderen wollten damit gegen den Vietnamkrieg protestieren. Sie wurden dann verhaftet, weil man ihnen unterstellte, einen Anschlag vorbereitet zu haben. Die Geschichte zeigt, dass Teufel bereit war, erhebliche Risiken auf sich zu nehmen.

Er war also mehr als ein politischer Clown?

Ja sicher. Teufel hat zurückgehalten, dass er für die Tatzeit der Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz ein Alibi hatte. Er saß dafür fünf Jahre lang in Haft, erst nach den Plädoyers machte er sein Alibi bekannt. Der Staatsanwalt hatte fünfzehn Jahre gefordert und schaute ziemlich ungläubig, doch es stimmte. Er hatte es all die Jahre geheim gehalten, um zu zeigen, wie lange politische Häftlinge zu Unrecht einsitzen konnten. Ich habe ihn in der Haft oft besucht, aber auch mir hat er lange nichts von seinem Alibi erzählt.

Hat er im Knast seinen Humor verloren?

Nein, das habe ich nie erlebt. Sein Humor war subtil, etwas ganz Besonderes. Ich glaube, man kann ihn schon in einer Reihe sehen mit Karl Valentin.

Fritz Teufel ist schließlich nicht beim Pudding geblieben, sondern gehörte zu einer Gruppe, die auch Waffengewalt als Mittel für gesellschaftliche Veränderungen nicht ausschloss.

An der Entführung von Peter Lorenz war Teufel nicht beteiligt, die Verdächtigungen waren falsch. In der Tat hat er später selbst öffentlich erwähnt, dass revolutionäres Denken, den politischen Kampf zur Veränderung der Gesellschaft auch mit Waffen zu führen, nicht an ihm vorbeigegangen ist. Wie weit er tatsächlich gegangen ist, weiß ich nicht.

Waren Sie oft in der Kommune I?

In der Stephanstraße war ich. Die meisten Treffen mit Teufel aber waren im Gefängnis, in München oder in Moabit.

Es gibt die Legende, Sie hätten einen der Tische in der Kommune gekauft.

Ich habe einen Riesentisch für das Sozialistische Anwaltskollektiv gekauft, da gingen 30 Leute dran oder mehr. Massivholz, günstig erworben bei einem Trödler in Charlottenburg. Die K I hat den Tisch dann übernommen und in der Stephanstraße aufgestellt. An diesem Tisch wurde später die Taz gegründet. Er endete in einem besetzen Haus, wo er verheizt wurde.

Wie haben Sie diese Form des Zusammenlebens damals gesehen, die Teufel und andere begründet haben? Das Leben in der Kommune und das Ziel, die Familie als Lebensgemeinschaft abzulösen, haben sich ja nicht so recht durchgesetzt.

Das sehe ich völlig anders als Sie. Die Kommune I war der spektakuläre Versuch, andere Lebensweisen zu praktizieren. Es gab direkte Nachahmer. Und es gab Hunderte und Tausende Wohngemeinschaften, die zumindest in Teilen das übernommen habe, was in der Kommune I propagiert wurde. Die Lebensform der Wohngemeinschaft ist doch in unendlich vielfältigen Variationen bis heute sehr erfolgreich. Sie hat sich zu einer ganz normalen Art zu leben und zu wohnen entwickelt.

Der politische Anspruch der Kommune I fehlt natürlich den heutigen WGs.

Ja. Aber da es damals mit Traditionen brach, war es politisch. Die Kommunen stellten sich gegen alte Familienstrukturen, die die Menschen verbogen und krank gemacht haben. Dieses Experiment hat unendlich viel verändert. Wenn auch vielleicht nicht genau das, was die K I sich vorstellte.

Wann haben Sie Fritz Teufel zuletzt getroffen?

Vor ein paar Monaten. Da erklärte er mir, wie er das noch macht mit dem Fahrradfahren, trotz seiner Krankheit. Er ging ja sehr gebeugt und konnte kaum nach vorne schauen. Ich sagte zu ihm, Fritz, jetzt kannst du ja gar nicht mehr Fahrrad fahren. Er sagte, doch, das geht noch. Die Leute regen sich zwar auf, dass ich nicht nach vorne schaue, aber ich fahre noch. Man wusste bei ihm nie so genau, ob er es ernst meinte oder nicht. Immer hatte er diesen verschmitzten Zug um den Mund. Wir haben auch Tischtennis gespielt.

Wer hat das Match gewonnen?

Wir haben nicht richtig um die Wette gespielt. Für ihn war eher wichtig, den Ball möglichst oft hin und her zu spielen. Wenn er erfolgreich war, hat ihn das ungeheuer aufgebaut. Das war auch eine Therapie für ihn. Er war übrigens auch ein großer Fußballfan. Er hatte auch die Idee, dass die APO nur eine Massenbewegung werden könnte, wenn sie einen Fußballclub gründet und es in die Oberliga schafft .

Fehlt Ihnen das Clowneske eines Fritz Teufel in der heutigen Politik?

Ja, das fehlt mir schon. Fritz Teufel gibt es nicht nochmal. Aber diese Art, humorvoll an Probleme heranzugehen und damit viel mehr zu bewegen als in ernsthaften Gesprächen, das vermisse ich sehr.

Das Interview führte Anna Sauerbrey

Fritz Teufel ist am Dienstag, 6. Juli, in Berlin verstorben. Er litt seit Jahren an Parkinson.

Der grüne Abgeordnete Hans-Christian Ströbele vertrat als junger Anwalt viele Anhänger der APO vor Gericht, später auch Mitglieder der RAF.

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