Berlin : Hans-Günter Klein (Geb. 1939)

Wildheit entsteht nicht in durchtanzten Nächten

von
Hans-Günter Klein (1939-2016)
Hans-Günter Klein (1939-2016)Foto: privat

Wir könnten“, schlägt ein Freund ihm vor, „einen Ausflug mit den Rädern machen.“ – „Eine Fahrradtour?“ – „Eine Fahrradtour.“ – „Nein!“ – „Nein?“ – „Meine Mutter hat mich, als ich ein Junge war, auf ein Rad gezwungen und natürlich bin ich bald gestürzt. Seitdem habe ich mich auf keins mehr gesetzt.“ – „Aber womit hast du dich denn damals sonst beschäftigt?“ – „Ich habe Gips in Streichholzschachteln gegossen und Miniaturlandschaften hineingeritzt.“

Die Welt ist selbst aus einer Saubohne herauszulesen. Kein Raum, und mag er noch so winzig sein, begrenzt das Denken. Unendlicher Kosmos auch im Kleinen. Von Klaustrophobie keine Spur, wenn Hans-Günter Klein in der Staatsbibliothek sitzt, fast unleserliche Handschriften entziffert und transkribiert und katalogisiert; wenn ihn ein Kollege anruft, auf der Suche nach der Quelle für ein Mendelssohn-Zitat und Hans-Günter Klein für Minuten in Karteikästen zu verschwinden scheint, um dann wieder aufzutauchen, mit der exakten Kombination aus Zahlen und Buchstaben, unter der das entsprechende Buch zu finden ist; wenn er Woche für Woche in Thomas-Mann-Manier schmale Kalender mit den Geschehnissen des Tages füllt; wenn er ein Buch liest und mit Bleistift auf der ersten Seite Ort und Zeit der Lektüre notiert: „Fahrt Berlin – Paris – Hamburg, 1. Mai 1970“; wenn er in seinen Wagner- und Mozart- und Mahlerpartituren festhält, wann und mit wem er welche Aufführung gesehen hat, Mahlers Sechste zig Mal, zuletzt am 18. März, kurz nach der Strahlentherapie, kurz vor dem Sterben, das Deutsche Symphonie-Orchester unter Tugan Sokhiev, diesen Dirigenten hatte er noch erleben wollen, unbedingt.

Und Felix Mendelssohn Bartholdy. Wagner und Mozart hörte er zwar lieber, aber begeben hat er sich auf die Spuren Mendelssohn Bartholdys. Und dessen Schwester Fanny Hensel. Akribisch, aufmerksam nachforschend folgte er, während seiner Urlaube, ihrer Italiensehnsucht, lief über den protestantischen Friedhof in Rom und fand den Grabstein eines Bartholdy-Onkels, der in einer Aufzeichnung erwähnt wird, bisher aber von niemandem entdeckt wurde.

„Er war ein Preuße durch und durch“, sagt ein Freund. „Aber ein unkonventioneller“, fügt ein anderer mit Nachdruck hinzu. Wildheit entsteht nicht in durchtanzten Nächten, Wildheit entsteht im Kopf. Die Wagnerwelten, die Opernspektakel in Bayreuth. Und dem gegenüber das Eintauchen in die Partituren in seinem Sessel zu Hause, Note für Note lesend.

„Jura“, hatte seine Mutter gesagt, „du wirst Jura studieren“, und er hatte nachgegeben. In den Kreisen, aus denen er kam, sein Vater hatte eine Tuchfabrik im Osten Berlins besessen, aber den Krieg nicht überlebt, war es durchaus gestattet, sich zu vergnügen, aber bitte in Maßen und immer mit Stil. Ordnung und Disziplin hießen die Leitmotive, also bemühte er sich, lernte, las. Aber der Gesetzesstoff wollte nicht in seinen Kopf. Viel lieber spielte er Geige. Oder kaufte sich Schallplatten und Kunstbände und Theaterkarten in Ost-Berlin, von dem Geld, dass die DDR als Wiedergutmachung für die verlorene Fabrik gezahlt hatte.

Und vielleicht summte er, während er eines Nachmittages an der Hamburger Alster spazierte, leise eine Mozartmelodie, wissend, dass er eigentlich noch den Kommentar zum BGB durchzuarbeiten hatte, als ihm Kurt Hiller begegnete, der expressionistische Dichter und Demokrat und Kämpfer für die gleichgeschlechtliche Liebe.

Im Gespräch mit Hiller verschwand der Zwiespalt, die Dinge lagen klar jetzt vor ihm: Er gab das eine Studium auf, um das andere, das richtige zu beginnen, Musikwissenschaft, Kunstgeschichte, Philosophie, was auch immer seine Mutter dazu sagen würde. Er promovierte, er ging an die Staatsbibliothek, er wurde Bibliotheksoberrat. Und er sprach weiter mit Kurt Hiller, der ihm in seine Autobiografie schrieb: „Meinem Hans-Günter Klein, ohne dessen zähes Ermuntern dieses Buch kaum zustande gekommen wäre, in starker dankesvoller Freundschaft.“

Reisen. Schreiben. In der Hiller- und Mendelssohn-Gesellschaft wirken. Die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft in der weitläufigen Charlottenburger Wohnung gründen, in der furiose Feste gefeiert wurden, nachts Männer im Glitzerfummel tanzten und tags um die Rechte der Schwulen rangen. Den Vergnügungen folgte Hans-Günter Klein vom Rande aus, in die politischen Diskurse begab er sich mit wissenschaftlichem Ernst, das Einzelne im Blick und das Ganze.

Er läuft durch Rom, vorbei an monumentalen Bauten, schaut, sucht, nach dem kleinen Brunnen, den Fanny Hensel vor 170 Jahren zeichnete. Er bleibt stehen. Hier, auf diesem Platz müsste er doch sein. Überall nur Gemüsestände. Er setzt sich. Und plötzlich schiebt ein Händler einen Stapel Kisten zur Seite: Der Brunnen erscheint.

Am 7. April starb Hans-Günter Klein. Sein Grab wird auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof in Kreuzberg sein, hinter den Gedenksteinen für Felix Mendelssohn Bartholdy und Fanny Hensel. In einem ihrer Briefe hatte sie einmal dem Bruder geschrieben: „Du fehlst einem, spät und früh.“

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