Berlin : Hans-Joachim Klotz (Geb. 1949)

Er sitzt mit der Bibel in der U-Bahn. Die Blicke der Leute sprechen Bände

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Kein Kind muss am Religionsunterricht teilnehmen. Deshalb stehen die Lehrer in Berlin meist vor wenigen Schülern.

Bei Hans-Joachim Klotz drängeln sie sich. Fast alle Kinder der Klasse kommen in seinen Unterricht, freiwillig, gucken mit ihm Filme über Moses und Jesus, folgen, ohne mit dem Nachbarn zu schwatzen, den Geschichten, die er lebendig und nie mit erhobenem Zeigefinger erzählt, beten mit ihm und stellen manchmal sogar, kindlich und ernst, Fragen über den Tod.

Warum kommen sie gerade zu ihm? Vielleicht, weil er auch mit ihnen rennt und Bälle wirft, sie über den Bock springen und über den Schwebebalken balancieren lässt. Er ermutigt alle, nicht nur die Schlanken und Schnellen. In seinen Turn- und Leichtathletikgruppen, die auf Wettkämpfen erfolgreich sind, drücken sich die dralleren Mädchen nicht verschämt in den Ecken, sondern dürfen in aller Ruhe alle Drehungen, alle Geräte ausprobieren. Diese Fächerkombination, Sport und Religion, ist die ideale, verbindet Bewegung mit Denken. Am deutlichsten empfindet Hans-Joachim Klotz diese Verschmelzung, wenn er im Allgäu den „Hochvogel“ oder den „Großen Wilden“ besteigt, die felsigen Wände emporklettert und dann oben auf dem Gipfel steht.

Dabei weiß er zunächst gar nicht, was er werden will. Er liebt den Fußball und Flugzeuge und träumt davon, vorn im Cockpit zu sitzen. Oft nimmt er seinen Kinderroller, fährt von Steglitz aus den ganzen Weg bis nach Tempelhof und beobachtet stundenlang die abhebenden und landenden Maschinen.

In der Bewegung also scheint sich alles zu bündeln, im Losgehen und Ankommen und wieder Losgehen. Und da er Kinder mag, entschließt er sich, Sportlehrer zu werden.

Mit dem Diplom in der Tasche liegt er eines Nachmittags auf der Couch seiner Eltern. Das Telefon läutet. Am Apparat ist der Rektor der Paul-Schneider-Grundschule in Lankwitz. „Wenn sie wollen“, sagt er, „können sie sofort bei uns anfangen.“ Hans-Joachim Klotz fängt an und bleibt 32 Jahre. Er wird Fachbereichsleiter, organisiert Sportshows und studiert daneben Religion. Sitzt, um sich die Psalmen und Evangelien einzuprägen, mit der Bibel in der U-Bahn, die Blicke der Leute um ihn sprechen Bände. Nur einmal zieht es ihn weiter fort, bis nach Texas, wo er für sechs Monate als Austauschlehrer arbeitet. Zurück in Berlin, verliebt er sich, heiratet und kauft eine Ferienwohnung in den Alpen. Er erkrankt schwer, und seine Frau ist da für ihn, immer. Doch dann werden die Dinge kompliziert: Eine neue Referendarin kommt an die Schule.

„Let me drown in your laughter“, singt John Denver, „Lass mich ertrinken in deinem Lachen“. Immer wieder legen sie dieses Lied auf, verborgen in ihrem kleinen Zimmer. Die zweite Zeile, „Let me die in your arms“, deuten sie auf ihre Weise.

Er trennt sich von seiner Frau, zieht zusammen mit Siegrun. Fährt mit ihr am Morgen in die Schule und in den Ferien ins Allgäu. Er schenkt ihr Bergstiefel und sie ihm Laufschuhe. Ria wird geboren. So muss es wohl sein, das Glück.

Irgendwann beginnt sein Rücken zu schmerzen. Ein Sportlerleiden, denkt er und zerbricht sich nicht den Kopf. Jahre später verwundert ihn seine mittelmäßige Marathonzeit, trotz ausdauernden Trainings. Untersuchungen folgen, bis die Diagnose feststeht: Knochenmarkkrebs. Schon eine zweitägige Unterbrechung der Chemotherapie bedeutet eine Verschlechterung seiner Verfassung. Er gibt das Laufen auf und dann das Bergsteigen, das Autofahren und das Lesen. Am 2. April bringt Siegrun ihn ins Krankenhaus. Er liegt im Bett und schaut sie an, sagt nur dieses eine Wort: „Danke.“ Am 6. April stirbt er in ihren Armen.

Im Sommer werden Siegrun und Ria ins Allgäu fahren, den „Hochvogel“ besteigen und auf seinem Gipfel ein wenig von Hans-Joachims Asche verstreuen.

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