Berlin : Hans-Joachim Kühne (Geb. 1918)

Gegen Kopfschmerzen hilft auch Pfefferminzöl.

Tatjana Wulfert

Der Selerweg, eine unauffällige Straße in Steglitz. Stadtgeruch. Auf dem Weg, der zwischen Hecken auf einen Hof führt, könnte ein Besucher die Augen schließen und würde sein Ziel erreichen. Süßholzwurzel, Thymian, Rosmarin, Wacholder, der Duft von 230 Kräutern schwebt in der Luft. Hinter dem Tor ein hoher Raum, Regale mit prallen Säcken, über 100 000 Kilogramm Tee, Kräuter und Gewürze, darunter sehr seltene Pflanzen, die Enzianwurzel aus den Alpen etwa, die Teufelskralle aus Südafrika. Das Lager von Kräuter Kühne.

Ewigkeiten scheint es her, dass die Mütter den Töchtern zur Linderung von Frauenleiden einen Aufguss aus Schafgarbe, Frauenmantel und Taubnessel bereiteten. Die Töchter gaben es weiter und immer so fort. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg die Antibiotika zur Anwendung kamen und die Pflanzenheilkunde vielen als alter Aberglaube galt.

Hans-Joachim Kühne empfand das als Irrtum. Er war kein Gegner der Schulmedizin, plädierte aber für eine ergänzende, sanfte, ganzheitliche Pflege der Gesundheit. Warum soll man gegen Kopfschmerzen stets die üblichen Tabletten mit ihren Nebenwirkungen einsetzen, wo es oft auch ein paar Tropfen Pfefferminzöl tun?

Als Hans-Joachim Kühne aus dem Krieg heimkehrte, stand er zwischen Trümmern. Die Menschen hungrig, die knappen Lebensmittel oft verdorben. Gemeinsam mit seiner Mutter gründete er die Chemische Fabrik Kühne GmbH in Stuttgart. Eins der ersten Produkte: die Eka Einmachtropfen, die dabei helfen, ein Vakuum im Einweckglas zu erzeugen.

Die Mutter stirbt, der Sohn geht nach Berlin, eröffnet dort 1957 die erste Filiale in der Rheinstraße. Es gibt sie heute noch. Im selben Jahr bringt er das China-Oel auf den Markt.

Im Restaurant „Roseneck“ lernt er seine zukünftige Frau kennen. Sie sitzt allein an einem Tisch, beobachtet von ihm und seinen Freunden. „An der beißt du dir die Zähne aus“, sagen sie. Er fragt sie, ob er sich zu ihr setzen darf – und darf. Nach einer Weile will er wissen, was sie von ihm halte. „Sie sind ein attraktiver, selbstbewusster, etwas eingebildeter Mensch“, antwortet sie ehrlich.

Und er steht auf.

„Wenn Sie nicht den Anstand und die Erziehung haben, zu warten, bis ich aufgegessen habe, hat sich das zwischen uns sowieso erledigt.“

Er setzt sich wieder, voller Bewunderung für diese schlagfertige und souveräne Frau, die bald die seine ist.

Die Chemische Fabrik Kühne wächst stetig, der Chef forscht selbst, stellt Ansätze her, bespricht Ideen mit einem Professor für Naturheilkunde, eröffnet weitere Filialen, auch in Westdeutschland. Die Geschäfte laufen gut, von Banken oder Pharmakonzernen muss sich Kräuter Kühne nie abhängig machen. Verträge besiegelt er per Händedruck – das ist wichtiger als alles Kleingedruckte.

Das Interesse an der Kräutermedizin wächst. Dank der konventionellen Medizin ist es gelungen, gefährliche Infektionskrankheiten zu kontrollieren, dafür aber vermehren sich die „Zivilisationskrankheiten“. In China kombiniert man die westliche mit der traditionellen Medizin. 1973 darf Hans-Joachim Kühne mit seiner Frau dorthin. Er lernt exotische Pflanzen kennen, begleitet Ärzte auf dem Land – und bringt die Idee für ein neues Produkt mit nach Hause: China-Balsam. Neben dem China-Oel gehörte der Balsam jahrelang zur offiziellen Ausrüstung der deutschen Olympiateilnehmer.

17 Filialen gibt es inzwischen in Deutschland, zu 33 Ländern bestehen Geschäftsbeziehungen. Die Chemische Fabrik Kühne wird in Bio-Diät Berlin umbenannt. Zum Sortiment gehören auch Nahrungsergänzungsmittel und Kosmetika.

Die Bürokratie, neue Gesetze und Zulassungsbestimmungen für Pharmahersteller erschweren die Arbeit. Bis Anfang der 90er Jahre entfielen von acht Arbeitsstunden zwei für die Verwaltung. Heute sind es fünf und mehr. Traditionelle, lang bewährte Produkte, Hopfenwein und Rosmarinwein zum Beispiel, können wegen der komplizierten und teuren Regularien nicht mehr verkauft werden.

Hans-Joachim Kühne kommt bis zuletzt fast täglich ins Büro. Am 18. Mai stirbt er. Seine Frau und die beiden Söhne führen die Firma weiter. Tatjana Wulfert

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