Berlin : Hans-Michael Fladée (Geb. 1953)

Die Französisch-Prüfung schaffte er gerade so. Und rief vor Freude: „Vive la France!“

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Anderen blieb noch Zeit. Zwei, drei Jahre mehr. Zu Hans-Michael hatten die Ärzte gesagt: „Zehn Monate, vielleicht zwölf.“ Geschafft hat er vier. Er wäre gern noch einmal nach Griechenland geflogen. Hätte sein Segelboot bestiegen und sein Gesicht in die Sonne gehalten. Aber die Zeit raste.

Er plante alles genau: Bestimmte die Stücke für die Trauerfeier, „Sailing“ und „Time to say goodbye“. Entschied sich für einen einfachen Sarg, geschmückt mit Lilien und Feldblumen. Nein, er war nicht geizig. Aber auf seiner Traueranzeige sollte nicht „Statt Blumen bitten wir um eine Spende“ stehen. Er stellte sich vor, wie der Berg von Blüten auf seinem Grab wuchs, immer höher wurde, immer bunter.

Er war großzügig. In seinem Testament bedachte er die Kirche, die Feuerwehr und den Anglerverein von Gantikow, einem Dorf in der Prignitz, wo er sich vor Jahren ein kleines Bauernhaus inmitten eines großen Gartens gekauft hatte. Die Gantikower waren damals alles andere als begeistert gewesen, dachten, wieder einer von diesen Westtypen, die sich überall breitmachen. Erst beäugten sie ihn argwöhnisch, standen dann in seinem Garten, rein zufällig, nur um einen Blick auf seine schönen Blumen zu werfen, und erkannten schließlich, wie sehr sie sich getäuscht hatten. Hans-Michael machte keine Unterschiede zwischen den Menschen, nicht zwischen Dörflern und Städtern, nicht zwischen arm und reich.

Er heiratete Hilary vier Tage vor seinem Tod. Er fragte sie: „Möchtest du, dass dir nach der Beerdigung 200 Menschen die Hand schütteln?“ Sie sagte: „Ja“, und er lud alle ein. Suchte das Restaurant aus, eine Trattoria in der Schwäbischen Straße, schräg gegenüber seiner Wohnung. An nichts sollte es fehlen. Von allem sollte ausreichend da sein. „Keine Mindermengen“, rief er und seine Freunde feixten. Erinnerten sich zum x-ten Mal an die Geschichte seiner Reise nach Norwegen, damals, als die Zeit noch unendlich schien. Er hatte Spaghetti gekocht, auf einem Campingkocher, irgendwo unterwegs. Leute waren vorbeigekommen und er hatte sie eingeladen mitzuessen. Die Spaghetti reichten nicht. Und er kam darüber nicht hinweg. Jedes Jahr zu Weihnachten zog er den Tisch zu einer langen Tafel aus und trug gefüllte Schüsseln und Platten auf. Für die Feste in seinem Garten organisierte er fünf Kühlschränke. „Keine Mindermengen!“

Dabei hatte er die knappen Nachkriegsjahre nie gespürt. Sein Vater war Geschäftsführer beim ADAC, wurde jeden Tag pünktlich um zwölf von einem Chauffeur nach Hause gebracht und setzte sich an den gedeckten Tisch, an dem sein Sohn bereits zu warten hatte. Als seine Haare denen von Jimi Hendrix immer ähnlicher wurden, entschied sein Vater, es wäre besser für ihn, auf das Internat auf Spiekeroog zu gehen.

Spiekeroog liegt mitten im Wattenmeer. Und doch fühlte Hans-Michael sich frei, vielleicht zum ersten Mal. Er schloss Lebensfreundschaften. Er schaffte in der mündlichen Französischprüfung gerade so eine 5, hugenottischer Nachname hin oder her, und rief lachend in die Lehrergesichter: „Vive la France!“

Er begann ein Jurastudium in Berlin, lernte seine erste Frau kennen, eine Steuerfachfrau, arbeitete mit ihr, hörte auf zu studieren und kaufte die Wohnung in der Schwäbischen Straße. Die anderen im Haus wählten ihn zu ihrem Sprecher. Nach und nach vertiefte er sich in all die Verordnungen und Bestimmungen und gründete selbst eine Hausverwaltung. Ob ein Flurfenster knarrte, ob eine Treppe hätte tadelloser geputzt werden können, war für ihn zweitrangig. Auf das Verhältnis der Eigentümer untereinander kam es ihm an, darauf, Querelen zu vermeiden, zerstrittene Nachbarn an einen Tisch zu bringen.

An den sie sich alle noch einmal setzten, am 28. September, in der Trattoria in der Schwäbischen Straße, schräg gegenüber seiner Wohnung, und auf dem es an nichts fehlte. Tatjana Wulfert

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