Berlin : Hans Stimmann: Der Steinerne

Christian van Lessen

Weiße Haare und Schnäuzer - Hans Stimmann könnte auch als Filmschauspieler eine gute Figur machen. Die Rolle als Chefarzt oder seriöser Firmensenior wäre angemessen, auch die eines in Würde gereiften Star-architekten oder vielleicht die eines Oberförsters. Der einstige Maurerlehrling ist im wirklichen Leben Senatsbaudirektor geworden - ein Amt, das sich vergleichsweise staubtrocken anhört, aber allein schon durch Stimmanns stattliche Erscheinung mit einem gewissen Flair behaftet ist. Heute wird er 60 Jahre alt und der Senat feiert ihn im Roten Rathaus mit einem Empfang.

Hans Stimmann hat Macht in der Stadt, weil er an entscheidenden Stellen bestimmen kann, was und in welcher Form gebaut wird. Er hat die Richtung der Milliarden-Investitionen in den wichtigen Jahren nach dem Mauerfall vorgegeben. "Ich bin verantwortlich für die Architektur des Senats" beschreibt er kurz seine Funktion, in der er sich unter anderem viele Jahre lang um die Gestalt neuer Schulen, Sporthallen, Krankenhäuser oder Brücken kümmerte.

Das allein wäre schon eine Menge, aber es ist in Wirklichkeit viel mehr. Er hat in zahlreichen Wettbewerben bestimmt, in welcher Form am Potsdamer und am Pariser Platz oder auch in Karow-Nord gebaut wird, er hat das Bild der wiederaufgebauten Berliner Mitte geprägt: Steinern und möglichst in ortsüblicher (Trauf-)Höhe. Die Macht bescherte ihm unter Investoren und Architekten viele Kritiker, aber sie achteten ihn auch zunehmend als starke Figur, die vielleicht Schlimmes verhindere. Als es um den Wiederaufbau am Potsdamer Platz ging, entschied er kurzerhand, welches städtebauliche Konzept zu verwirklichen sei, anfangs verprellte er Investoren und berühmte internationale Architekten, verärgerte auch den Regierenden Bürgermeister.

Stimmann ist ein Querdenker, und so charmant er sein kann, wenn er über die Berliner Baugeschichte erzählt, so ruppig ist er mitunter, wenn ihm geplante Architektur gegen den Strich geht. Dann wirkt er wie ein Poltergeist. Mutige, gläsern-lichte, vor allem hohe Architektur hat bei ihm schlechte Karten. Euphorisch entworfene Wolkenkratzer-Gebirge stürzten ein, um Stimmanns Idee von der "traditionellen europäischen Stadt" und der "kritischen Rekonstruktion" des Stadtgrundrisses Platz zu machen. Allein um den verordneten Wohnanteil bei neuen Geschäftshäusern an der Friedrichstraße wurde immer wieder heftig gerungen.

Vor zehn Jahren, in der baulichen Gründerzeit nach dem Mauerfall, wurde SPD-Mitglied Stimmann Senatsbaudirektor, war zuvor Bausenator in seiner Heimatstadt Lübeck, was einem Berliner Stadtrat gleichzusetzen ist. Der Architekt, der an der TU Berlin mit dem Thema "Verkehrsflächenüberbauung" promoviert hatte, arbeitete zuvor unter anderm im Stadplanungsamt der Senatsbauverwaltung. Der frühere Bausenator Wolfgang Nagel holte ihn wieder nach Berlin, knüpfte damit an eine Tradition West-Berliner Senatsbaudirektoren zwischen 1950 und 1981 an, die zuletzt von Werner Düttmann und Hans Müller verkörpert worden war. Stimmann aber wollte mehr sein als nur das "stadtbaukünstlerische Gewissen" eines Bausenators. Er wollte nicht in einer "Spinnstube" arbeiten, er wollte Macht über das Stadtbild. "Ich bin durchsetzungsfähig, habe eine Idee von der Stadt".

In Lübeck habe er "Respekt vor der Stadt" gelernt und gemerkt, lieber vorsichtiger und zurückhaltender als mutig zu sein. Berlin sei in der Nachkriegzseit ohnehin sehr mutig mit der Abrissbirne umgegangen, habe 30 Quadratkilometer Stadt abgerissen, bis endlich die behutsame Stadterneuerung entdeckt worden sei.

Schwer getroffen hat ihn, dass Mitte der neunziger Jahre die Funktion des Senatsbaudirektors an Barbara Jakubeit überging. "Der Wechsel war ausdrücklich architekturpolitisch begründet. Die von mir geförderte Architektur sei zu modern, zu kalt", erinnert er sich. Seine Nachfolgerin ließ mutig die Hochhausplanung in der West-City um den Breitscheidplatz forcieren, Stimmann musste leiden und schweigen.

Aus der damaligen Senatsbau- in die Stadtentwicklungsverwaltung versetzt, fand er allerdings Zeit genug, sein "Planwerk" zu entwickeln, ein Modell für die Verdichtung der Stadt mit "städtischen Häusern", vor allem in der alten Mitte. Seit 2000 ist er wieder Senatsbaudirektor, was ihm auch bessere Chancen gibt, das Planwerk Innenstadt in die Tat umsetzen, etwa an der Friedrich-Werderschen Kirche einen Parkplatz mit Wohn- und Geschäftshäusern zu bebauen.

Und wieder müssen Investoren und ihre Architekten bei ihm antreten, um die Chancen millionen- oder milliardenschwerer Projekte auszuloten. "Ich bin nicht korrumpierbar", betont Stimmann, " habe Respekt vor der Aufgabe, für die große Stadt Verantwortung zu tragen". Er fügt hinzu: "Ich bin bei der Gemeinde angestellt". Wie bescheiden er das sagt, will es gar nicht zu seinem Äußeren passen.

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