Berlin : Hans Stimmann: Großstadt sollte es schon sein

Gerwin Zohlen

Einer alten Legende zufolge braucht es Kraft, sich Feinde zu erwerben. Freunde fallen einem zu, doch Gegner muss man sich erhalten. Daran gemessen müsste Hans Stimmann ein Berserker sein, strotzend vor Energie und funkelnden Einfällen. Fast will er einem Säbel rasselnd erscheinen, im strahlenden Ornat seiner städtischen Rüstung. Die Kritiker und Gegner nämlich kann man leichterhand zum Chor versammeln und auf einen Kammerton stimmen. Eine Liste prominenter Gegner fällt jederzeit auf den Tisch, deren Besatz bis in hohe und höchste Verbands- und Politiketagen zu beobachten ist. Doch Knopf auf Spitz befragt, was gegen diesen Städtebauer denn wirklich und ernsthaft einzuwenden sei, welche Alternativen anzubieten oder zu wünschen wären, zucken sie merklich zurück und murmeln leise, ein Dummkopf, wer da vorschnell jubele.

Boulevard Berlin:
Was die Stadt bewegt...

So geschehen Mitte der neunziger Jahre, als die höhere Parteienarithmetik nach der Berliner Wahl 1995 der SPD das Bauressort entzog und der CDU zuschlug. Dabei verschob es den allgewaltig scheinenden Hans Stimmann aus dem Amt des Senatsbaudirektors ins Stadtentwicklungsressort, wo er anfangs unzufrieden knurrte wie ein Polier, der zu Unrecht von der Baustelle verwiesen wurde. Und die deutsch-internationale Architektenschaft, die einerseits an Berlin (zu der Zeit noch) hervorragend verdiente, andererseits aber - sieht man auf die lancierte und publizierte Meinung - unter der Knute und dem Joch dieses brubbelköpfigen Grammatikers von Traufkante und Blockrandbebauung zu leiden schien, als wäre ihnen der Gottseibeiuns leibhaftig erschienen. Sie entdeckte auf einmal die Solidarität und schickte Bittbriefe herum. Hans Stimmann sei doch ja in den Architektur- und Stadtfunktionen zu erhalten. Selbst allerschärfste Avantgardisten wirkten zerknirscht und blickten ungewissen Auges in die städtische Zukunft Berlins. Cybercity? Solitär-Collage? Landschaftsstadt? Sozialistische Punkthaus-Moderne? Ja doch, nein doch, Großstadt sollte es schon sein. Und die eben konnte Stimmann so vortrefflich fordern, fördern, planen, zumal sein Herz architektonisch deutlich pochte. Flugs entstand der Mythos, dass er besser gar nicht zu ersetzen sei.

Hans Stimmann also, dieser Wechselbalg aus Sympathie und schärfster Gegnerschaft, feiert seinen sechzigsten Geburtstag zugleich mit seinem zehnjährigen Dienstjubiläum. Vom Senatsbaudirektor zum Stadtentwicklungsdirigenten und zurück zum Senatsbauressort, natürlich - wie bei jedem unnötigen Kreislauf - mit erweiterten Kompetenzen. Nunmehr hat er nicht nur über Fassaden zu entscheiden, sondern kann auch auf Verkehr und Stadtentwicklung kollegialen Einfluß nehmen. Machtfülle nennt man das, so man auch im politisch verminten Terrain diplomatisch gleich hinzufügen sollte, dass es ihn nach den ersten Linien in der Politik gar nicht wirklich gelüstet. Wundersamer Weise hat die Machtfülle bei ihm auch nicht zu Pomp und bramsigem Gehabe geführt, wie bei seinem weiland Ahnherrn Baron Haussmann in Paris, sondern umgekehrt zu manchmal leisem Ton und gelegentlich sogar verschmitztem Lächeln. Klar doch, diese Gelassenheit und langsam einsetzende Entspannung, da man jetzt ungeschminkt behaupten darf, dass die neunziger Jahre auf Berlin und Deutschlands Städtebau bezogen zweifelsfrei die Dekade Stimmanns gewesen sind.

Zwar sind wir schon im 21. Jahrhundert, aber die Porträtgalerie seiner Kombattanten auf dem Stuhl der Städtebauer stammt eindeutig noch aus dem vorigen. Hans Müller? Werner Düttmann? Hans Scharoun? Vermutlich muss man doch zu Martin Wagner in den zwanziger Jahren zurückgehen, um eine wirklich vergleichbare Potenz und Wirkung zu bekommen; Hans Scharoun ist inhaltlich sein erklärter Antipode. Anders als Wagner nämlich sieht Stimmann die Stadt nicht als Produktionsmaschine und Gewerbebetrieb, sondern als kulturelle Erbschaft, um deren Erhalt und Pflege er sich bemüht. Das ist ein schwieriges Gebiet und ein Novum am Ende des 20. Jahrhunderts, da es mehr vom Bewusstsein bestimmt, als von Zweckmäßigkeit geleitet ist. Zweckmäßig sind schnelle Hütten aus Blech und Glas, die von Autobahnen erschlossen werden, um Konsumentenströme einzudeichen; sie prägten die städtebauliche Moderne jenes ja nur kurzen Jahrhunderts von 1918 bis 1989. Aber Stimmann wollte die Stadt und gar Berlin nie an die Börse bringen. Er träumte, plante und dachte in gaukelnden Bildern vom öffentlichen Raum, von Platz und Straße, gesäumt von festen Häusern mit Figur. Gewiss schwebten ihm dabei auch Bilder vom Boulevardier vor, der in dem rational so unbegreiflichen Überschuss aus Ornament und Schönheit einherspazierte. Davon wurden die Städte im 19. Jahrhundert gezeichnet. Und Stimmann sprach ungescheut (aber oft gerüffelt) von Schönheit der Architektur und Stadt. Wer hätte das bei einem beamteten Planer vor zehn Jahren auch nur zu denken gewagt? Schönheit kostet und drückt die Rendite, hieß der Konsens.

Zu den Paradoxien der Ära Stimmann zählt, dass ihm die heutige Friedrichstraße als Planungsresultat zugerechnet wird. Doch konnte er hier nur noch Fassadenschliff anbringen. Die Weichen für die blockgroße Bebauung und (zu) hohe Auslastung der Grundstücke waren gestellt, bevor er ins Amt kam. Noch vor vier Jahren übrigens hielten die meisten Beobachter die Wette, dass die Friedrichstraße nicht "anspringen", nicht belebt würde, während sie sich heute schon fest ins städtische Bewußtsein eingerüttelt hat. Nein, wie Werner Düttmann (und Hans Scharoun) den Mehringplatz und das Hansaviertel zu verantworten haben, so ist Stimmann vornehmlich der heutige Potsdamer/Leipziger Platz zuzuschreiben, dessen Wettbewerb er 1991 als Morgengabe für sein Amt erhielt. Ob es wohl geraten ist, weil so viele Leute täglich drüber perlen? Es hätte schlimmer, aber auch richtiger kommen können.

Aber Stimmanns historische Leistung liegt in einem - nennen wir es: doppelten Lottchen Berlins. Er, und wahrscheinlich nur er mit seiner Obsession und schnellen Sprache, war in der Lage, die absurde Zahl anbrandender Investorenwünsche der frühen Neunziger in stadtverträgliche Projekte umzumünzen. Das hat ihm viel Kritik und verbale Tritte eingebracht, sollte aber das Gegenteil sein. Der Zwilling dazu ist das sonderbar fade bezeichnete "Planwerk Innenstadt" von 1996. Schwierig, weil es im Wesentlichen aus einem Gedanken besteht - dem städtisch wieder zusammengewachsenen Berlin -, der erst noch Wirklichkeit werden muss, vorerst Konzept und Absicht ist. Und hieran kann man ablesen, dass Stimmann als der umgedrehte Baron Haussmann unserer Zeit in die Bücher eingehen wird. Denn wie dieser als artiste démoliseur (H.M.Enzensberger), als Boulevardbrecher firmiert, so wird Stimmann dermaleinst als artiste harmoniseur dastehen, der Autoschneisen häuslich kultivieren wollte, damit entsteht, was allen zugute kommen kann, eine wirkliche Stadt namens Berlin. So kommt seine Macht schließlich paradoxer Weise nur aus den Worten: Macht Stadt und nicht ein Chaos.

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