Hape Kerkeling in Berlin : Horst Schlämmer und die galoppierende Brünofizierung

Irgendwie live: Horst Schlämmer alias Hape Kerkeling macht Wahlkampf alias Kino-PR-Show in Berlin.

Jan Schulz-Ojala
Pressekonferenz "Horst Schlämmer - Isch kandidiere!"
Bundespressekonferenz. Hape Kerkeling als Horst Schlämmer mit Simon Gosejohann und Alexandra Kamp.Foto: dpa

Ob das jetzt die sogenannte Pressekonferenz zu einem grobschlächtigen Film war, den man den Kritikern lieber vorenthält, um sich die stromlinienförmige PR nicht zu versauen – wie das der Verleih Constantin nicht erst seit Mario Barths Brachialklamauk „Männersache“ gerne mal praktiziert? Oder ob der im Frühjahr gedrehte „Isch kandidiere“ tatsächlich noch nicht fertig geschnitten ist, weshalb man vor etwa 250 Presse- und Kameraleuten ersatzweise die Werbetrommel rührt? Oder ob der Film, wie der schmierige Herr auf dem Podium munter bekennt, just zu Ende gedreht wird, „uns fehlen noch sieben Minuten, und die quälen wir gerade mit euch rein“?

Schwer zu sagen in diesen Zeiten galoppierender Brünofizierung, da in jeder besseren Fußgängerzone ein falsches TVTeam mit möglichst kompromittierendem Erkundungsauftrag unterwegs ist und jedes dritte „Hallo Taxi“ mit versteckten Kameras. Schwer zu sagen in Zeiten fortgeschrittener Simulation, da dem Normalmediennutzer viel Tatsächliches so uneigentlich vorkommt, dass das Uneigentliche sich locker mit der „echten“ Welt messen kann. Und noch schwerer beim Verwandlungskünstler und Ober-Faker Hape Kerkeling, der seit Jahren chronisch vergnügt die Maske seiner Kunstfigur Horst Schlämmer spazieren führt. Kein Wunder, dass so einer sich eines Tages anschickt, huch, ja, sogar Bundeskanzler zu werden.

Soweit alles unklar? Die von der Constantin veranstaltete „Wahlkampf-Pressekonferenz“ im Berliner Ritz Carlton, der sich die sechs Leutchen auf dem Podium und die Hundertschaften im Publikum für ein rundes Halbstündchen einigermaßen gut gelaunt hingeben, ist zuallererst: Werbung für einen Kinofilm. Folglich eine Art vorzeitiger Witz-Erguss, weshalb die Veranstalter unermüdlich betonen, der eigentliche Wahlkampf beginne am 20. August (Datum des Filmstarts). Und ob die Journalisten am Dienstag bei dieser angemunterten Morgensause bloßes Schwenk- und Stimmvieh gewesen sind? Auch das wird die nahe Zukunft zeigen.

Kerkeling jedenfalls gibt seinem Schlämmer Süßes, so schlabbersüß, wie man ihn aus dem Fernsehen und aus allerlei Blogs und Youtube-Schnipseln kennt. Nur dass der fiktive stellvertretende Chefredakteur des fiktiven „Grevenbroicher Tageblatts“, dieser Spaßgesellschafter mit haftender Beschränktheit, hier einmal, tja, irgendwie live zu erleben ist – mit schiefen Schneidezähnen, Schnäuzer und fettgrauer Tolle, mit zu kurzem, zu engem Trenchcoat, Flanellhose und unerlässlich schwarzspeckigem Herrenhandtäschchen. Und er gibt hier nicht nur, wie in „Wetten, dass … ?“ und „Wer wird Millionär?“, den zu einiger Binnenmacht gelangten teigigen Provinzjournalisten mit verblüffend treffender Helmut-Markwort-Visage, sondern den zu Höherem berufenen Polit-Mann, Kandidat und Kanzler der Herzen in Personalunion.

Comedy also, gut für zwei, drei Nasenlacher, bei freiem Eintritt, alkoholfreies Kalt- oder Heißgetränk inklusive. Wobei manche Frager sich nicht nur von ihren Redaktionen, sondern womöglich vom Veranstalter selber unterhaltungsfördernd präpariert zeigen. Die elfjährige Lotti etwa, die „Schauspielerin werden“ will, verschafft Schlämmer die Gelegenheit zur staatsmännischen Replik: „Ich kümmer’ mich drum.“ Auch das Sat 1Frühstücksfernsehen hat ein filmreifes Reizwort dabei: „Schweinegrippe“, entfährt es dem Kandidaten mit persona-typischem Grunzen, „mit uns nicht!“ Nur auf Hape Kerkeling, die „zickige Diva“, die „Hackfresse“, ist seine ureigene Erfindung schlecht zu sprechen.

Warum der Hass? In ihren helleren Momenten könnten dieser nicht unbegabten Darstellerhülse namens Schlämmer die billigen Imitate aus der real existierenden Alltags-Soap doch schnuppe sein. Wenn er etwa auf die Frage, wie er auf Migranten und ihre Sorgen zu sprechen sei, erst „Integration ist das A und O“ tönt, um sich kunstvoll in einer Art Intrigantenstadl zu verhaspeln. Oder wenn er neben der „künftigen First Lady“ Alexandra Kamp dienstlich den triebhaften Hetero-Dödel gibt, während Kerkeling-Lebensgefährte und Regisseur Angelo Colagrossi gleich daneben sitzt. Prompt nöselnäselt es in schlabbrigstem Linksrheinisch: „Politisch is’ Homosexualität okay, aber privat find' ich dat widerlich.“

In solchen Augenblicken wächst sich der breitwanstige Narrhalesen-Humor exakt in jene bornierte Ungemütlichkeit aus, die ihm stets innewohnt – und denunziert sich bewusst in der Maske des Spiels. Da zeigt Kerkeling, was für ein Schlimmer in ihm steckt – ganz innen, wo das eiskalte Herzchen jedes besseren Komikers schlägt. Aber diese Momente sind selten, im Tohuwabohu anderweitiger Kalauerei und floskeltriefender Leutseligkeit, die der großen Bürgerumarmung bei üblichen Wahlveranstaltungen bald immer täuschender zu ähneln beginnt. Und weil alle Schaufragestellerspieler das Schlämmerspielchen so allerliebst mitmachen und der gemeinsame Gehirnwaschgang so schonend funktioniert, ist es für ein Sekündchen fast ein Schock, als der zu seinen Wahlchancen befragte Kandidat plötzlich todernst erklärt: „Wir sind bei 37 plus, wir sind drin.“

Haha, der 44-jährige Kerkeling meinte bloß sein Alter, dem er für Olle Schlämmer nochmal sieben Jährchen draufgesattelt hat, damit der so richtig kanzlerabel wirke. Und drin, das heißt nicht: im Bundestag. Sondern bloß in der unverwüstlichesten aller Quasselbuden – im Kino.

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