Berlin : Harald Juhnke ist tot

Mit Harald Juhnke ist einer der größten deutschen Fernsehstars und Volksschauspieler gestorben. Er sei friedlich eingeschlafen, teilte seine Ehefrau Susanne mit. Der 75-jährige Juhnke war seit vielen Jahren alkohol- und demenzkrank.

Berlin (01.04.2005, 15:18 Uhr) - Der 75-jährige Schauspieler lebte seit dreieinhalb Jahren in einem Pflegeheim in Fredersdorf bei Berlin. Er erlag im Krankenhaus Rüdersdorf seiner chronischen Erkrankung, nachdem er auch körperlich zunehmend geschwächt schien. Juhnke feierte seine größten Erfolge in Fernsehshows und -serien wie «Musik ist Trumpf», «Willkommen im Club» und «Ein verrücktes Paar».

Neben seinen Söhnen Oliver und Peer trauerten Bundespräsident Horst Köhler sowie zahlreiche prominente Theaterkollegen wie Johannes Heesters, Claus Peymann und Wolfgang Spier. Peymann würdigte Juhnke als einen «großen Clown, Komiker, grandiosen Entertainer und Anarchisten». Der Theaterleiter Bernd Wilms, an dessen Maxim Gorki Theater Juhnke 1997 als «Hauptmann von Köpenick» einen seiner größten Bühnenerfolge feierte, nannte ihn «ein großes Kind, ein bisschen Peter-Pan-haft, wie einer, der nicht erwachsen werden wollte». Sein langjähriger Manager Peter Wolf sagte den Tränen nahe der dpa, Juhnke sei der angenehmste Mensch gewesen, den er kennen gelernt und dem er auch seine berufliche Karriere zu verdanken habe.

Im Berliner Rathaus liegt von diesem Sonnabend an ein Kondolenzbuch aus. Einzelheiten der öffentlichen Trauerfeier werden zurzeit festgelegt.

Am 10. Juni 2004 hatten Freunde und langjährige Weggefährten Juhnke in einer ZDF-Gala zu seinem 75. Geburtstag geehrt, ohne dass der Jubilar daran noch teilnehmen konnte. Seine Ehefrau Susanne hatte das unter Hinweis auf die Menschenwürde untersagt. Im Sommer 2000 war es bei ihm zum letzten schweren Alkoholrückfall gekommen, der schließlich seiner 50-jährigen beruflichen Karriere ein Ende setzte.

Harry Heinz Herbert Juhnke stammte aus dem Berliner Arbeiterbezirk Wedding, wo er am 10. Juni 1929 als Sohn eines Polizeibeamten zur Welt kam. 1948 stand er im heutigen Maxim Gorki Theater zum ersten Mal auf der Bühne. In zahlreichen Rollen im Theater, vor der Filmkamera und im Fernsehen begeisterte Juhnke, der sich selbst gern auch als deutscher Frank Sinatra sah, ein Millionenpublikum.

Kritiker lobten insbesondere Juhnkes eindrucksvolle schauspielerische Leistung als «Trinker» (1995) in der Fernsehverfilmung des gleichnamigen Romans von Hans Fallada. Zu seinen herausragenden Filmen gehörten außerdem seine Rolle als Journalist in dem Kinofilm «Schtonk» über die gefälschten Hitlertagebücher.

Auf der Theaterbühne beeindruckte Juhnke als Hauptmann von Köpenick in dem gleichnamigen Stück von Carl Zuckmayer und als gealterter Komiker Willie Clark in Neil Simons Boulevardklassiker «Sonny Boys». Auch in Stücken von Molière und Eugene O'Neill erhielt Juhnke viel Beifall von der Kritikerzunft ebenso wie vom Publikum, womit er sich seinen lebenslangen Traum erfüllte, wie er einmal sagte, «weg von den Klatschspalten ins seriöse Feuilleton zu kommen».

Im Fernsehen sah man den populären Entertainer in zahlreichen Filmen, Unterhaltungsserien und Shows. Mit der ARD-Sketchserie «Harald & Eddie» brachten Juhnke und sein Partner Eddi Arent das Fernsehpublikum immer wieder zum Lachen.

Seine immer wieder von Alkoholeskapaden begleitete Karriere startete Juhnke im Berlin der 50er Jahre unter Boleslaw Barlog, dem damaligen Intendanten des Schiller-Theaters. 1959 musste er für einige Monate hinter Gitter, weil er sich im angetrunkenen Zustand eine wilde Verfolgungsjagd mit der Polizei geliefert hatte.

Als Nachfolger von Peter Frankenfeld begann Harald Juhnke 1979 seine Fernsehkarriere mit «Musik ist Trumpf». Mitte der 80er Jahre trennte sich das ZDF nach alkoholbedingten Ausfällen von dem Star - doch Juhnke wurde von der ARD mit offenen Armen empfangen. Als «Rolle seines Lebens» wurde Juhnke 1987 in John Osbornes Stück «Der Entertainer» gefeiert. Das Stück eines dem Alkohol verfallenen, alternden Showstars schien ihm auf den Leib geschrieben.

Im wirklichen Leben eskalierte die Situation Anfang 1997, als der Entertainer betrunken in einem Hotel in Hollywood einen farbigen Wachmann mit rassistischen Äußerungen beschimpft haben soll. Am 17. August desselben Jahres feierte Juhnke das Ende einer triumphalen Aufführungsserie des «Hauptmanns von Köpenick» im Maxim Gorki Theater wieder mit Alkohol. Nach fünftägigem Trinken wurde er auf die Intensivstation eines Berliner Krankenhauses gebracht. Vor Kamerateams hatte Juhnke zu Hause in betrunkenem Zustand gesagt, er spüre, dass er nicht mehr lange leben werde.

Am 10. Juni 1999 beging er in Berlin seinen 70. Geburtstag und beteuerte, vom Alkohol befreit zu sein. Ein Jahr später betrank er sich am Juli 2000 in Baden bei Wien nach anstrengenden TV- Dreharbeiten und erlitt einen Zusammenbruch. Im Dezember 2001 begann das letzte Kapitel - die Familie brachte Juhnke in ein Pflegeheim. «Harald Juhnke ist unheilbar an Demenz erkrankt», sagte sein Manager.

Zuletzt musste er immer wieder Krankenhaus behandelt werden. Im Herbst 2003 veröffentlichte seine Ehefrau Susanne ihre Memoiren mit dem Titel «In guten und in schlechten Zeiten - Mein Leben», in denen sie ihren jahrelangen und schließlich vergeblichen Kampf um ihren Mann und gegen seine Alkoholsucht in erschütternden Einzelheiten beschreibt. (tso)

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