Harald Martenstein : Himmel voller Arschgeigen

Als der Senator alt geworden war, wollte er in ein Seniorenheim umziehen. Sein Vater, er war lange schon tot, hatte zuletzt in der wunderschönen Dahlemer „Parkresidenz“ gelebt, da wollte er auch hin und vereinbarte einen Besichtigungstermin.

Harald Martenstein
Harald Martenstein.
Harald Martenstein.Foto: dpa

Er erkannte die Residenz nicht wieder. Einige der Insassen wirkten auffällig ungepflegt, manche schienen sogar betrunken zu sein. Büchsen und Unrat lagen herum. Überall liefen, sehr laut, Fernsehgeräte. Es wurde geraucht! Als der Senator bei seinem Besichtigungsgang einen alten Herrn leicht am Arm streifte, schrie dieser: „Du Arschgeige!“, und schlug nach ihm. „Dieses Ambiente ist uns denn doch zu rustikal“, sagte der Senator mit fester Stimme zu der Leiterin der Residenz, die ihn begleitete, einer sympathisch und intelligent wirkenden Dame.

„Das verstehe ich. Aber Sie werden in Berlin nichts anderes finden“, antwortete die Dame. Ob er es wirklich nicht wisse? Seine eigene Regierung habe es doch beschlossen. Die alten Menschen, die im Leben nie eine echte Chance und nie Erfolg gehabt hätten, sollten wenigstens ihre letzten Jahre in einer nicht diskriminierenden, einer bildungsbürgerlich geprägten Umgebung verbringen. Durch den Kontakt mit Menschen wie zum Beispiel ihm, dem Senator, sollten die Senioren aus der pauschal leider oft so genannten Unterschicht wenigstens ihre letzten Tage mit kulturellen Genüssen, guten Gesprächen und hochwertigen Freizeitaktivitäten verbringen, sie sollten Musikinstrumente und Yoga lernen, philosophische Diskussionskreise besuchen, Rosen züchten und Patiencen legen. „Die Berliner Altenheime müssen jetzt jeden aufnehmen, genau wie die Schulen“, sagte die Dame, „es gibt keinerlei Unterschiede mehr, alle haben das gleiche Profil.“ Natürlich gebe es bei dem Projekt „Chancengleichheit im Alter“ Anlaufschwierigkeiten, die Klavier- und die Yogakurse zum Beispiel seien relativ schwach besucht, das Alkoholproblem wolle sie gar nicht leugnen. Keine neue Gesellschaft ohne Geburtswehen!

Der Senator sah eine Gruppe von kräftigen weißhaarigen Männern, die eine dürre Person undefinierbaren Geschlechtes in einen dunkelbraunen Tümpel warf, der früher der Goldfischteich der „Residenz“ gewesen war. „Der Kleine ist Professor Lieb, Molekularbiologe“, sagte die Leiterin rasch, „er nervt die anderen irgendwie. Klar, es gibt manchmal Aggressionen gegen die, die auf der Sonnenseite gestanden haben, gesellschaftliche Macht ausübten, Geld hatten – das ist doch verständlich, oder etwa nicht? Aber wir kriegen es in den Griff. In den Schulen hat es auch geklappt. Tja, hier herrscht die finale Chancengleichheit.“ Sie eilte davon, um dem kleinen Professor aus dem Wasser zu helfen. Der Senator verspürte einen leichten Schwindel.

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