Berlin : Harald Tolksdorf(Geb. 1954)

Er lebt im Hier und Jetzt. Er kann Zeit verschenken

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Orange leuchtet die Trauerkarte, die auf der Beerdigung verteilt wird. Darauf ein Zitat von Dylan Thomas: „Doch es wandelten sich die Wege / und führten meist zu anderen Orten als geplant.“ Halla war kein Lyrikfan, aber das passt. Harald sagte keiner zu dem Althippie, Wirt und Fußballfan, Raucher, Reisenden und Weintrinker. Halla hieß mal ein eigenwilliges Sportpferd, es gab den Fußballstar Helmut Haller, und Hermann Hesses „Steppenwolf“ war Harry Haller. Auch das alles passte irgendwie zu diesem Menschen, dessen bewegtes Leben einen Roman hätte füllen können.

Es beginnt in Bünde in der ostwestfälischen Provinz, bescheidene Verhältnisse. Auf den Kindergeburtstag seines besten Freundes Hase bringt Halla frische Eier und Speck als Geschenk mit, mehr ist nicht drin. Die Mutter des Freundes rettet die Situation: „Dieses Geschenk wirst du dein Leben lang nicht vergessen. Alle anderen schon!“ Halla und der Beschenkte bleiben lebenslang dicke Freunde, sie spielen Fußball bis zum Umfallen, hören Rockmusik, rauchen, was man so rauchen kann. Auf Festivals und Konzerten spüren sie den Rausch von Musik und Gegenkultur.

Der Fußball ist ein Ventil, sie spielen ihre Gegner schwindlig. Aber auf den Dorfplätzen gibt es keine Talentscouts, die beiden Freunde bleiben grandiose Freizeitfußballer.

Halla macht eine Lehre zum Klempner. Dann die ersten Ausbrüche: Landkommunen, Wohngemeinschaften, Reisen nach Indien, in die Sahara, Kuba und anderswo. Im Iran gerät er in die Revolutionswirren, auf Sizilien in einen Mafiamord. Der Versuch „Kleinfamilie mit Kind“ scheitert, er versucht sich als Wirt in Bielefeld, und auch das wird nichts. Zurück bleiben Enttäuschungen, Enttäuschte und ein Sohn. Bürgerliche Erwartungshaltungen sind ihm fremd, ein Geschäftsmann wollte er sowieso nie werden.

Dann Berlin, natürlich Kreuzberg. Er verdient sein Geld mit dem Verkauf von Raubdrucken in Kneipen und an der Uni. Das ist nicht ungefährlich, der geprellte Börsenverein des Buchhandels und die Justiz reagieren, es drohen Festnahmen, Razzien, Strafgelder.

Halla lernt Babs kennen. Sie hat studiert, sie arbeitet für Menschenrechtsorganisationen und fürs „Büro für ungewöhnliche Maßnahmen“, das mit Performances, Plakaten und Kunstaktionen politische Missstände lächerlich macht.

Halla ist nicht so aktiv. Er braucht Stunden, viel Kaffee und Zigaretten, bis er sein Riesenbett, den „Holzdampfer“, verlässt, den Fernseher abstellt, auf dem nur Sport läuft, und in den Tag startet – mit einem ausgiebigen Zeitungsstudium im Café. Halla lebt im Hier und Jetzt, hat lange Zeit weder eine Krankenversicherung noch ein Bankkonto. Er kann Zeit verschenken, das fasziniert Babs, die sich im linksalternativen Milieu bis zur Selbstverausgabung engagiert.

Das kennt Halla nur vom Fußballplatz – wenn er da erscheint. Oft tauchen seine Mitspieler auf, um ihren besten Mann fürs Ligaspiel aus dem Bett zu holen.

Gemeinsam mit einem Freund übernehmen Halla und Babs ein Café. Eine harter Job, sie arbeitet in der Küche, er als Bedienung, oft in Doppelschichten.

Nach fast 20 Jahren zerbricht die Beziehung der beiden. Halla hat sich neu verliebt. Und doch ist es Babs, die er anruft, als er erkrankt und seine Sporttasche nicht für den Bolzplatz, sondern für die Chemotherapie im Krankenhaus packt. Selten noch sitzt er in seinem Laden beim Kaffee, keine Zigarette mehr im Mundwinkel, die Augen resigniert. Die gestundete Zeit. Wenn er die Kraft aufbringt, macht er mit Babs Dinge, auf die sie früher nicht gekommen wären: ein Ausflug in den Britzer Garten, Essen der unbekannten Art.

Freunde besuchen ihn in seinen letzten, bitteren Monaten. Babs liest aus dem Roman „Laufen“ vor, der das wechselvolle Leben von Emil Zátopek, der „tschechischen Lokomotive“, nachzeichnet. Der Langstreckenläufer war ein Idol von Halla. Als 18-Jähriger ist er immerhin die 100 Meter mal in elf Sekunden gelaufen. Untrainiert.

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