Berlin : Harald wer?

Seit einem Jahr ist Harald Wolf Wirtschaftssenator. So bekannt wie sein Vorgänger Gysi ist er noch lange nicht – dafür ist der PDS-Politiker zunehmend erfolgreich

Barbara Junge

Das Telefon in der Zentrale klingelte nach Ende der Bürozeit. „Herr Wolf" wünsche mit dem Vorstandsbüro verbunden zu werden, sagte eine Anja Wollny am anderen Ende der Leitung. Der Pförtner eines landeseigenen Berliner Unternehmens reagierte gelangweilt. „Herr wer?“ Der Wirtschaftssenator Harald Wolf, präzisierte Wolfs Büroleiterin nun hörbar ungeduldig. „Harald Wolf?“ hörte sie vom Pförtner. „Det sacht mir nüscht.“ Also landete Wolf in der Warteschleife. Minutenlang.

Gregor Gysi wäre das nicht passiert. Mit Wolfs Vorgänger, dem populärsten ostdeutschen Politiker als Wirtschaftssenator, war die Berliner Landesregierung überall der „Wowereit-Gysi-Senat“. Mit Gysi wollten selbst konservative Unternehmer wie die Chefs der Softwareschmiede SAP gerne essen gehen, und sei es nur, um danach der eigenen Frau von dem prominenten Salon-Sozialisten berichten zu können. Für Gysi öffneten sich die Türen, oft schon bevor er anklopfte. Nur irgendwann wollte Gysi nicht mehr klopfen. Die Disziplin hatte ihn verlassen und statt seiner sprang Harald Wolf, wegen seines prinzipientreuen Politikstils zuweilen „Ajatollah Wolf“ verspottet, ein und übernahm den undankbaren Job.

Harald Wolf wirkt nett, richtig sympathisch. Ein nüchterner Typ, der weiß, wovon er spricht, nur Charisma ist seine Sache nicht gerade. Wolfs Auftritte als Senator und stellvertretender Bürgermeister gehören in der Regel nicht zu den Höhepunkten des gesellschaftlichen Lebens. Jetzt, nach einem Jahr Wolfscher Amtszeit, heißt der Senat denn auch wieder der „Wowereit-Senat“ – und der Wirtschaftssenator geht mühsam Klinken-Putzen. Doch von Katzenjammer keine Spur. Im Gegenteil. In der SPD ist man klammheimlich sogar froh, das Tagesgeschäft nicht immer mit dem exaltierten Gysi besprechen zu müssen. „Der strategische Kopf der PDS am Regierungstisch war ohnehin immer Wolf“, sagt ein Senatsmitglied. Und der hat nach einem Jahr Amtszeit inzwischen sogar das geschafft, was viele einem Sozialisten nicht zugetraut haben: ein anerkannter Gesprächspartner der Wirtschaft zu werden.

Immerhin, die Ansiedlung von Coca-Cola in der Stadt hat Wolf zur Unterschriftsreife gebracht. Und jetzt ist ihm auch noch ein richtiger Coup gelungen: Die Popkomm, international anerkannte Musikmesse, zieht im nächsten Jahr von Köln an die Spree. Berlin wird zur Hochburg der Popkultur, Rutschbahneffekt nicht ausgeschlossen, andere Unternehmen könnten folgen. Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma zumindest attestiert Berlins Werbestrategie jetzt schon einen „Magnetismus“– und adelt grimmig den Erfolg des Senators.

Die nüchternen Fakten sprechen aber noch immer eine andere Sprache: Hohe Arbeitslosenzahlen, Kürzungen durch die Bundesanstalt für Arbeit… Von einer Erholung der Wirtschaftskraft der Stadt kann keine Rede sein – Wolfs Kompetenz wird deshalb trotzdem nicht mehr in Frage gestellt. IHK-Chef Werner Gegenbauer nimmt ihn sogar ein bisschen in Schutz. „Berlins Wirtschaft ist Schlusslicht in der Bundesentwicklung“, stellt Gegenbauer klar, „das ist für jeden Wirtschaftssenator ein harter Job“.

Ein ehemaliger Kader der Alternativen Liste West-Berlins, ein ausgewiesener Linker als Wirtschaftssenator! Ein linksintellektueller T-Shirt-Träger. Nicht der ideale Gesprächspartner für die klassischen Unternehmer… Doch gerade diese stellen ihm ein solides Zeugnis aus. Harald Wolf, sagt beispielsweise Gegenbauer, sei zwar kein Marketinggenie. „Aber er ist mit den Problemen Berlins bestens vertraut. Wir sehen, dass er sie angeht, dass Absprachen funktionieren und dass er für Unternehmer ein offenes Ohr hat“. Die gewaltigen Vorbehalte der Wirtschaft gegen die PDS hätten sich nach zwei Jahren Regierungsarbeit gelegt. Alle Unternehmer, die von Wolf gekommen seien, hätten hinterher einen besseren Eindruck als erwartet.

Vor einem Jahr waren die Berührungsängste noch groß. „Hat der Mann überhaupt eine Krawatte?“, provozierte der einflussreiche Berliner Unternehmer Peter Dussmann damals in der Abendschau. Auch heute gönnt sich Wolf als Senator noch gelegentlich Termine mit geöffnetem Hemdkragen, das wird ihm inzwischen allerdings verziehen. Nils Busch-Petersen, der Hauptgeschäftsführer des Einzelhandels, schätzt im Vergleich zu Gysi seine „weniger prätentiöse, weniger auf Darstellung ausgerichtete Art“. Auch bei den Berlinern kommt Wolf an. In den Meinungsumfragen von Emnid steht Wolf mittlerweile hinter dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) auf Platz drei in der Beliebtheitsskala (vor Wowereit rangiert noch der neue CDU-Chef Joachim Zeller). Das Forsa-Institut zwar platziert Wolf weiter hinten auf der Liste beliebter Politiker. Doch auch Forsa-Chef Manfred Güllner bescheinigt Wolf eine klare Akzeptanz in der Stadt. Als Wirtschaftssenator sei an Wolf bemerkenswert, sagt Güllner, dass er nicht negativ auffalle. Das unterscheide ihn etwa von Finanzsenator Sarrazin, Bausenator Strieder oder Schulsenator Böger.

Tritt der Senat zusammen, sitzt Wolf zur Linken Wowereits. Dessen Rechte nimmt SPD-Chef Peter Strieder ein: das Kraftzentrum des Senats. Wolf prägt gemeinsam mit Wowereit die rot-rote Koalition – nach innen. Koalitionsdisziplin, Konjunkturflaute und das eigene Amt setzen Wolf mehr zu als erwartet. „Das Repräsentieren ist seine Sache nicht“, sagen selbst die PDS-Genossen. Wenn Harald Wolf unter Stress steht, dann beißt er die Zähne zusammen, auch beim Sprechen. Wenn Wolf auf den Senatorenbänken im Plenarsaal des Preußischen Landtags Rede und Antwort steht, meint man zuweilen, der Senator müsse sich seine Statements mit Gewalt abringen. Zum Leid des Publikums. „Vor kurzem“, sagt ein Parteifreund, „habe ich ihn einmal einfach nicht mehr verstanden“.

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