Berlin : Hardy Kluge (Geb. 1940)

Sein Spitzname: Mr. Hello Goodbye.

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Was hat mein Vater verbrochen? Warum war er nach dem Krieg in Dachau inhaftiert?“ Die Frage trieb Hardy um, lebenslänglich, trieb ihn in die Welt hinaus.

Eberhard Kluge, der Vater, bewirtschaftete im Auftrag der Großherzöge von Sachsen-Weimar den ehemaligen Klosterbesitz Heinrichsau, seinerzeit das größte schlesische Gut. Die Familie wohnte im Prinzenhaus neben dem Schloss – bis die Front näher rückte. Sie konnte fliehen, fand schließlich Zuflucht in einem Kloster nahe Köln.

In einer kleinen Klosterzelle hausten sie, fünf Kinder, die Mutter, und im Winter gesellten sich noch die Klosterhühner dazu. Die Lage der Familie besserte sich erst, als der Vater 1949 aus dem Kriegsgefangenenlager in Dachau entlassen wurde; er war als Viehzuchtreferent in der Ukraine, später in Frankreich tätig gewesen, sein Rang: Sonderführer. Aber darüber wurde kein Wort verloren.

Was den Sohn in der tristen Nachkriegszeit rettete war: der Ball. „Alderichs Vater zog den Faden fest. Und dann lag er da, auf dem Tisch so unschuldig, und wir fetteten ihn ein, und er glänzte von der schützenden Schmiere: Ein richtiger Lederball. Wenn wir ihn nicht über die Felder schossen, wollten wir ihn hüten und pflegen. Diesen Ball, der so gut roch wie die Sehnsucht, wie der Aufbruch in ein neues Leben. Ein Leben nach dem Krieg. Wir spielten jeden Tag, bei jedem Wetter, Schnee, Hagel, Regen, durch die Gassen, in den Höfen und auf den Wiesen. Wenn ich heute an meine Kindheit denke, sehe ich mich unentwegt laufen, zu jeder Tageszeit, selbst in der Dunkelheit. Damals habe ich die Ausdauer für mein Leben gesammelt.“

Hardy flog von der Schule, fuhr zur See, hielt es nicht aus, beendete eine Buchhändlerlehre und träumte von der weiten Welt. Ein Jahr verbrachte er im Kibbuz, im Rahmen von Aktion Sühnezeichen. Er kehrte zurück nach Deutschland, traf seine Frau, sie gingen gemeinsam nach Thailand, wo er eine Stelle beim deutschen Entwicklungsdienst annahm. Das Geld, das sie dort in zwei Jahren zurücklegten, gaben sie auf ihrer Weltreise aus.

Malaysia, Indonesien, Australien, Japan, Nordamerika, Südamerika. „Wenn du nicht dabei gewesen wärst …“, dann, ja dann hätte er sich vielleicht einer Befreiungsbewegung angeschlossen, denn das Unrecht in Mittel- und Südamerika empörte ihn maßlos.

Gemeinsam zogen sie weiter an die Elfenbeinküste, Entwicklungshilfe, auch in Sachen Fußball. An den von ihm gegründeten Fußballverein „Atomic Sports“ erinnert man sich dort noch heute.

Seine Frau trennte sich von ihm, er zog weiter nach Gambia, kam zurück nach Deutschland, arbeitete in der Flüchtlingshilfe. Eine Tochter wurde geboren, die neue Familie reiste zunächst nach Gambia, dann weiter nach England. Er blieb dort, obwohl sich die Wege der Eltern bald darauf trennten, und arbeitete fünfzehn Jahre für die Aktion Sühnezeichen.

Sein Spitzname: Mr. Hello Goodbye.

Reise ist Flucht ist Reise ist Flucht. Aber für seine Tochter war er immer da. Der beste Vater der Welt, der seltsamste! Es konnte passieren, dass er an der Ampel einfach stehen blieb, weil er sich unterhalten wollte. Dann parkte er seinen Renault-Kastenwagen, auf dem handgeschrieben der Spruch von Samuel Beckett prangte: „Ever tried, ever failed, no matter, try again, fail again, fail better.“ Und die Menschen, die er aufgehalten hatte, fuhren mit einem Lächeln weiter.

Wanderer sind oft auch Sänger, Wanderlieder, Shanties, Hardy sang, wann immer es ihm passte, am liebsten mit seiner Tochter. Walt Whitman, Song of myself: „Failing to fetch me at first keep encouraged, / missing me one place search another, / I stop somewhere waiting for you.“

In 60 Jahren um die Welt. Als er den Tod nahen fühlte, zog er zurück nach Berlin, in die Nähe seiner Tochter. Er arbeitete in einer Initiative gegen rechte Gewalt in Brandenburg, versammelte seine Freunde um sich, tröstete sie, ermunterte sie: „Ihr habt den Auftrag, ein Kind zu retten!“

Und eins war da noch: Er wollte in der Gewissheit sterben, dass sein Vater keine Verbrechen begannen hatte. Er recherchierte, jetzt erst brachte er den Mut auf. Und starb im Frieden mit seinen Eltern.

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