Berlin : Harri Wuttke (Geb. 1927)

Dann eben die Karriere am Platzrand.

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Es würde den Rahmen sprengen, aufzuzählen, worum sich Harri Wuttke alles verdient gemacht hat. Die Zahl seiner Ehrenteller, Ehrennadeln, Ehrenschilder, Ehrenmedaillen und Ehrenmitgliedschaften ließe sich nur tabellarisch bewältigen. Für ihn wurde die Ehrenordnung des Sportvereins BSV 92 umgeschrieben, um seine 65-jährige Mitgliedschaft mit einer weiteren Nadel würdigen zu können. Zu seinem 80. Geburtstag erhielt das BSV-92-Sportcasino den Namen „BSV 92 Harri Wuttke Sportcasino“. Das Bundesverdienstkreuz am Bande bekam er auch noch.

Und der private Harri Wuttke? Was ist aus dem geworden? Politiker trennen gerne zwischen ihrem öffentlichen Bild und einem, das nur die engsten Vertrauten kennen. Nicht Harri. Der war immer ganz bei sich. Ein Original eben, unverwechselbar, mit breitem Lachen, gestutztem Schnauzbart und raspelkurzen Haaren. In die große Politik wollte er deswegen nie.

Harri Wuttke zu heißen, hat viele Vorteile für einen Sozialdemokraten. Klingt sehr berlinerisch und überhaupt nicht hochgestochen. Viele dachten: Der muss doch eigentlich Harald heißen, dann ist Harri nur die Kurzform, also kann man ihn auch mit -y schreiben. Ein schwerer Fehler, über den sich Harri schon sehr ärgern konnte. Sonst brachte ihn fast nichts aus der Ruhe. In Sitzungen, von denen er täglich mehrere besuchte, dienstlich oder ehrenamtlich, machte er manchmal den Eindruck, er sei eingenickt. Dabei lauerte er nur auf den richtigen Moment, um mit einigen klaren Worten die Dinge geradezurücken.

Harri Wuttke war ein Kommunikator alter Schule, ohne Handy. Wenn man ihn anrief, war er meistens unterwegs zu Menschen, die er sprechen wollte. Zu Fuß, denn Harri hatte kein Auto. Die Wegstrecken innerhalb seines Aktionsradius zwischen Wohnung, Bezirksamt, Verein und Kleingarten waren überschaubar. An seiner Hand baumelte ein Jutebeutel mit den wichtigsten Unterlagen.

In der Laube seiner Eltern war Harri zur Welt gekommen, deshalb war er zeit seines Lebens Kleingärtner. Wie er auch Fußballer blieb, ohne aktiv zu spielen. Als er noch selber über den Rasen rannte, blieben ihm die höchsten Ehren versagt. Er war einsatzbereit, kameradschaftlich, ehrgeizig, aber es fehlte seinem Dribbling an Virtuosität und Eleganz, um ihn zur Spielerpersönlichkeit reifen zu lassen. Dann eben die Karriere am Platzrand. Harri wurde Sportwart und später Abteilungsvorsitzender.

Beruflich stieg er bis zum Bezirksstadtrat für Soziales und stellvertretenden Bürgermeister auf. Ein Bürgermeister, der Akten las, aber genauso fleißig feierte und tanzte, mit allen Damen, die zufällig an seinem Tisch saßen.

Viele Reden halten musste Harri. Da dachte sich sein Sohn, als das Thema gerade im Deutschunterricht dran war, soll Papa doch auch für mich mal eine Rede schreiben. Klar, machte er, war ja immer hilfsbereit. Heraus kam aber nur eine Drei. Eine schöne Geschichte für innerfamiliäre Frotzeleien.

Harris Aktionsradius erweiterte sich in den Siebzigern bis nach Franken. Dort schaffte sich die Familie eine Ferienwohnung an. Doch Urlaub machen hatte Harri nie geübt. Er rief den örtlichen Tourismusverband an, die Traditionsvereine, den Landrat, machte Termine, führte Gespräche, und schon waren die ersten Schritte zu einer Partnerschaft zwischen dem Landkreis Forchheim und dem Bezirk Wilmersdorf eingeleitet.

Harri Wuttke hat nie versucht, aus seinem gewohnten Leben auszuscheren. Kam gar nicht dazu, über solchen Unfug nachzudenken. Mit 58 ging er offiziell in Pension, Altersteilzeit, blieb inoffiziell aber weiter Harri Wuttke, das omnipräsente Wilmersdorfer Original. Nie wurde er aus einem Amt gewählt. Er ging immer rechtzeitig von selbst und hinterließ dann eine große Lücke.

Am Ende wurde er dann doch abberufen. In Franken, Harri war mal wieder mit einer Seniorengruppe unterwegs, ereilte ihn der Schlag. Thomas Loy

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