Berlin : Harry Böhme (Geb. 1928)

Zwei West-Berliner auf dem Liepnitzsee.

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Soll ich den Hut ziehen oder aufbehalten? Harry lächelt leise. Es ist Jochens Geburtstag und er steht am Grab seines alten Freundes. Jochen hieß auch mal Joshua und war Jude, so stand es in seinen gefälschten Papieren, die ihm die Einreise nach Israel ermöglichen sollten. In Harrys falschem Pass stand der Name Moshe. Nach Israel kam er damit nicht, aber immerhin ins Lungensanatorium mit bevorzugter Behandlung für Holocaust-Hinterbliebene, displaced persons.

Eine verrückte Zeit, die Jahre nach dem Krieg, als die Welt der Erwachsenen in Trümmern lag. Das war die Chance für drei Jungen vom Ku’damm: Hermann, Jochen und Harry. Erst halfen sie den Russen, dafür bekamen sie Kartoffeln, dann den Amerikanern, dafür gab es Brot und Süßigkeiten. Harrys Vater hatte einen Teppichhandel. Da existierten noch Lagerbestände für den Schwarzmarkt.

Die Jungen versorgten ihre Familien, feierten mit den US-Soldaten, fühlten sich unbezwingbar. Die Schule gehörte zur fernen Vergangenheit. Ganz ohne Risiko war diese Lebensform nicht. Die Militärpolizei machte Razzien, klingelte aber, bevor sie eine Wohnung durchstöberte. Harry machte grundsätzlich nicht auf. Wer was von ihm wollte, musste an die Wand neben der Tür klopfen.

Mit der Währungsreform 1948 war kreativen Straßenhändlern die Geschäftsgrundlage genommen. Die Ordnung kehrte nach Berlin zurück, und die Jungs vom Ku’damm suchten das Weite. Hermann ging nach Kanada, Jochen und Harry wollten nach Israel. Dort war Krieg, das verhieß Abenteuer und gute Gewinnmargen.

Beim Gesundheitscheck in der Sammelstelle für Auswanderer diagnostizierten die Ärzte Tuberkulose. Ein Lungenflügel war nicht mehr zu retten. Von nun an war Moshe wieder Harry und offiziell erwerbsunfähig.

Enttäuschung? Na klar, aber Harry war Sternzeichen Waage, also blieb bei ihm alles im Lot. Er traf Helga, seine Lebensgefährtin für die vielen Tage, die noch kommen sollten. Helga arbeitete in einer Strumpffabrik, Harry schmiss den Haushalt. Nachmittags, wenn die Zeit sich zu dehnen begann, löste er Kreuzworträtsel oder las Bücher über Politik. Abends begann das Fernsehprogramm.

Am Wochenende fuhren Harry und Helga an den Liepnitzsee, setzten mit der Fähre auf die Insel über und zelteten. Von Mai bis Oktober. Am westlichen Ufer war das umzäunte Regierungsfreibad, in dem schon die Ulbrichts schwammen, beschützt von Soldaten. Harry und Helga erholten sich regierungsnah.

Die beiden West-Berliner hatten die richtigen Eintrittskarten für die DDR, Mitgliedsausweise der SEW, der Sozialistischen Einheitspartei West-Berlins, einem SED-Ableger. „Die Partei hat uns immer geholfen“, sagt Helga. Sie hatten schon beschlossen, ganz in die DDR überzusiedeln. Dann kam leider die Wende.

Natürlich gab es Neider am Liepnitzsee, die meinten, die West-Berliner sollten mal nicht so bescheiden tun. Aber Harry und Helga hatten wirklich nicht mehr als ihre Zeltnachbarn. Harry saß meistens in seinem Kahn und angelte fürs Abendbrot.

Die H-Milch, sagt Helga, brachten sie immer mit aus West-Berlin, weil die im Osten knapp war. Alles andere kauften sie vom Zwangsumtausch in der Kaufhalle. „Wir haben genauso gelebt wie die DDR-Bürger.“

Harry war ein politischer Mensch. Wenn sie abends Räuber-Rommé spielten oder mit Verwandten feierten, dann erzählte er von den Vorzügen des Sozialismus. Die kannte er ja vom Liepnitzsee. Der Kapitalismus beendete das paradiesische Leben in der freien Natur. Es kamen Umweltauflagen, und in vielen Menschen erwachte der Erwerbstrieb. Harry hatte inzwischen einen Bungalow auf dem Grundstück seiner Schwägerin gebaut. Nun sollte er fürs Grundstück Miete zahlen. Das wollte er nicht.

Also zogen sie nach Sachsen-Anhalt, zu Harrys „Kuchentante“. Der hatten sie immer mal West-Brot gebracht und von ihr dafür Kuchen bekommen. Sie kauften sich ein Häuschen und fuhren in die Pilze. Helga steuerte das Auto und Harry sagte, wohin. Nur wenn er etwas zu viel getrunken hatte, wollte er mal selbst ans Steuer, aber das ließ Helga nicht zu.

Streit gab es fast nie. „Harry war lieb von Anfang bis zum Ende“, sagt Helga. Nach einem Schlaganfall war er bettlägrig geworden. Zuletzt sagte er zu Helga: „Mach dir noch ein paar schöne Jahre“ und schloss die Augen. Thomas Loy

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