Berlin : Harry Potter auf Stütze

Wie einer Obdachlosenzeitung der große Coup gelang: Kapitel eins aus Band fünf ist erst einmal nur dort zu lesen

Katja Füchsel

Zwei Tage noch – dann werden die fünf Zeitungsmacher in den Händen halten, worauf Deutschlands Leser seit Monaten warten: Harry Potter, Band 5, Kapitel 1. Das Berliner Straßenmagazin „Stütze“ darf in seiner November-Ausgabe die ersten Seiten der deutschen Fassung „Harry Potter und der Orden des Phönix“ kostenlos abdrucken. Bis zum 1. November gilt bei den „Stütze“-Machern aber noch äußerste Diskretion: „Hinter dem Text ist schließlich Gott und die Welt her“, heißt es in der Redaktion.

Der Plan sieht so aus: Am 1. November wollen die Stütze-Macher mit ihren Zeitungen zum Potsdamer Platz ziehen, eine letzte Pressekonferenz einberufen und dann den Verkauf mit Sänger Frank Zander eröffnen. Die Realität kommt vermutlich anders: Die echten Fans werden wohl kaum in der U-Bahn ausharren und warten auf „Hallo, ich bin der Olaf und verkaufe das Obdachlosenmagazin…“. Sie werden vermutlich am 1. November schon morgens mit ihren schwarzen Hüten und runden Brillen nach Wedding ziehen, um in der Bastianstraße 21 die ersten Exemplare zu ergattern. Bei der „Stütze“ hat man sich über ein solches Szenario noch keine Gedanken gemacht. „Das wäre ein Überraschungseffekt“, sagt Uwe Kunz.

Dabei klingeln in der Redaktion bereits jetzt dauernd die Telefone und die Anrufe kommen vor allem aus den ländlichen Teilen der Republik: Menschen, die das erste Kapitel per Post zugeschickt bekommen möchten. „Kein Problem“, sagt Kunz, wenn die Anrufer Porto und Preis übernehmen würden (Telefon 466086-00). Nach Angaben des Carlsen Verlages soll das Kapitel vorab in 21 Straßenzeitungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu lesen sein. Potter-Autorin Joanne K. Rowling hat ihre Erlaubnis für die exklusiven Vorabdrucke gegeben, um die Auflage der Straßenmagazine anzukurbeln. Insgesamt 18 Zeitungen haben den Zuschlag in Deutschland bekommen.

Auch die beiden anderen Berliner Straßenmagazine „motz“ und „Steinschlag“ hätten sich gerne auf der Liste wiedergefunden, scheiterten aber an den Kriterien: Sie sind weder Mitglied bei International Network of Street Newspapers noch beim Internationalen Verband der Straßenzeitungen. Auch alles Bitten beim Carlsen Verlag war erfolglos. „Das bedeutet für uns eine Umsatzeinbuße“, sagt Wilfried Tembak von der „motz“.

Bei der „Stütze“ scheinen sie mit einem Ansturm aber nicht wirklich zu rechnen: Das erste Novemberheft erscheint wie immer für 1,20 Euro und wie immer mit einer Auflage von 10000 Exemplaren. „Rarität erhöht die Nachfrage“, sagt Uwe Kunz. Sollte die erste Auflage aber tatsächlich nach wenigen Tagen vergriffen sein, könne man die „Stütze“ auch kurzfristig nachdrucken. Dann wird die Berliner Straßenverkäufer-Szene vermutlich in Bewegung geraten. Kunz: „Ich gehe davon aus, dass dann auch die Verkäufer der anderen Zeitungen an unseren Vertriebsbus am Alexanderplatz kommen.“ Für die „Stütze“ sei derzeit ein fester Stamm von 80 bis 150 Verkäufern in der Stadt unterwegs.

Manche würden gerne, dürfen aber nicht, andere haben Rowlings Angebot umgehend ausgeschlagen. Die Wiener Obdachlosenzeitschrift „Augustin“ beispielsweise erklärte, sie wolle sich nicht als kostengünstige PR-Plattform zur Verfügung stellen. Der Vorabdruck hätte dem „Augustin“ zwar sicherlich eine Menge neuer Leser beschert, die aber mit dem Rest der Zeitung nichts weiter anzufangen gewusst hätten. „Ein Vorabdruck wäre daher wie eine einmalige Gratis-Wurstaktion in einem vegetarischen Restaurant“, hieß es in der Erklärung.

Solche Bedenkenträger werden das soziale Engagement von Joanne K. Rowling kaum bremsen können. Die britische Schriftstellerin weiß, was es heißt, jeden Penny zusammenhalten zu müssen: Vor ihrem Harry-Potter-Erfolg war die 38-jährige Lehrerin lange Zeit arbeitslos. Die Erlebnisse des jungen Zauberlehrlings bescherten ihr dann einen Geldsegen sondergleichen.

Nach Angaben der englische Zeitung „Sunday Times“ ist Joanne K. Rowling mit einem geschätzten Vermögen von rund 420 Millionen Euro die neuntreichste Frau im Vereinigten Königreich. Damit habe sie sogar Queen Elizabeth II. überflügelt. Für die weltweite Verbreitung der bisherigen fünf Bände sind laut „Times“ rund 6,5 Millionen Bäume gefällt worden. Deshalb setzt sich die Multimillionärin jetzt dafür ein, dass ihr nächster Harry-Potter-Band auf umweltfreundlichem Papier gedruckt wird.

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