Berlin : Harry Potter statt Heine auf dem Stundenplan

Schulverwaltung plant, die Klassiker im Deutschunterricht durch lebensnähere Texte zu ersetzen

Susanne Vieth-Entus

Berlins Schüler sollen künftig nicht mehr mit zu viel „hoher Literatur“ vom Lesen abgeschreckt werden. Nach aktuellen Plänen der Senatsverwaltung für Bildung sollen künftig Jugendzeitschriften und andere Texte aus dem Lebensbereich der Kinder stärker in den Deutschunterricht einfließen. Diese Konsequenz aus den schlechten Leseergebnissen bei der Pisa-Studie wird auch in die neuen Rahmenpläne für die Grundschulen einfließen, die jetzt erarbeitet werden. Außerdem sollen die Eltern ermutigt werden, das Lesen zu Hause zu fördern.

Bildungsexperten aus Berlin, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg haben untersucht, wie die erfolgreichen Pisa-Länder das Leseinteresse ihrer Schüler wecken. „Dabei kam heraus, dass in Finnland rund 70 Prozent der muttersprachlichen Lektüre mit Texten aus Jugendzeitschriften bestritten wird“, berichtet Mascha Kleinschmidt-Bräutigam, Abteilungsleiterin im Landesinstitut für Schule und Medien (Lisum). In Berlin hingegen bestehen die Lesebücher fast ausschließlich aus literarischen Texten - schon ab der dritten Klasse.

Das soll nun anders werden. Das Lisum ist bereits im Gespräch mit den Schulbuchverlagen, damit pünktlich zum Inkrafttreten der neuen Rahmenpläne im Schuljahr 2004/05 die entsprechend überarbeiteten Schulbücher vorliegen. Aber auch schon vorher soll sich der Deutschunterricht verändern. Das Landesinstitut für Schule zieht jetzt mit einem sogenannten Pisa-Koffer durch die Bezirke, um Lehrern Anregungen für einen veränderten Leseunterricht zu geben. Außerdem soll der Entwurf für den neuen Rahmenplan bereits 2003 ins Internet gestellt werden, damit die Diskussion in Gang kommt.

Der Handlungsdruck ist groß. Insbesondere Jungen schneiden beim Leseverständnis erbärmlich ab. „Die Jungen werden am wenigsten gefördert“, resümiert Mascha Kleinschmidt-Bräutigam das Pisa-Ergebnis. Das liege nicht zuletzt daran, dass die „literarisch beseelten“ Lehrerinnen, die in den Schulen dominieren, keinen Zugang zu den Interessen der Jungen finden.

Anstatt sich also erfolglos zu bemühen, die Jugendlichen mit Literatur des vorletzten Jahrhunderts vollzupumpen, sollen jetzt andere Wege beschritten werden, um sie zum Lesen zu bewegen. Dies bedeutet nicht nur, dass mehr Sachtexte hinzugezogen werden und Harry Potter statt Heinrich Heine gelesen wird. Auch die Lernstrategien sollen sich ändern. Anstatt die obligatorische Frage zu stellen, „was denn der Autor damit sagen will“, sollen die Lehrer ihre Schüler ermutigen, eigene Fragen an den Text zu stellen. Der neue Rahmenplan soll auch Methoden beinhalten, wie sich Schüler einem Text so nähern können, dass etwas haften bleibt.

Es gibt aber auch ganz praktische „handfeste“ Hilfen. Dazu gehört etwa der genannte Pisa-Koffer. Er beinhaltet etwa die Jugendzeitschrift „Geolino“ mitsamt einem extra entwickelten Begleitheft, das den Lehrern zeigt, wie sie eine derartige Lektüre für den Unterricht nutzen können. Dann gibt es da auch einen Kalender, den Schüler des Mahatma-Gandhi-Gymnasium erstellt haben: Sie wählten Zitate aus neuen Werken Berliner Schriftsteller und fotografierten dazu für jedes Kalenderblatt eines der im Text beschriebenen Gebäude. Ebenfalls zum Pisa-Koffer gehören die „Top-Tipps“ zum Lesen zu Hause. Auf Elternversammlungen sollen die Eltern erfahren, wie sie das Lesen der Kinder unterstützen können: nicht nur durch regelmäßiges Vorlesen, sondern auch dadurch, dass sie dem Kind einen gemütliche Leseplatz einrichten, dass sie mit ihm in Bibliotheken und Buchhandlungen gehen oder ein Zeitschriften-Abo schenken.

Aber nicht nur die Bildungsverwaltung zerbricht sich ihren Kopf derzeit über Pisa und die Folgen. Soeben ist die Humboldt-Professorin Renate Valtin zur Vorsitzenden der internationalen „Pisa-Task-Force“ ernannt worden. Diese Kommission soll im Auftrag der International Reading Association die Ergebnisse von Pisa in ihrer Bedeutung für die Länder analysieren, bildungspolitische Empfehlungen ausarbeiten und Länder „identifizieren“, in denen ähnliche Probleme existieren. Valtin geht davon aus, dass sie auch deshalb zur Vorsitzenden der Task Force gewählt wurde, weil Deutschland „am meisten von allen Ländern aus Pisa lernen kann“.

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