Berlin : Hart an der Grenze

An der Oder schauten Studenten die WM gemeinsam – auch wenn sie gegeneinander spielten

Sandra Dassler

Frankfurt (Oder) – Von einer solchen Stimmung im Hörsaal können Professoren nur träumen: Im Audimax der altehrwürdigen Europa-Universität Viadrina jubeln Hunderte junge Leute, schwenken Fahnen: „Polska, Polska“, skandieren die einen, eingehüllt in rot-weiße Fahnen. „Ihr könnt nach Hause fahren“, tönt es aus den schwarz-rot-goldenen Reihen zurück. Prallvoll sind Saal und die Gänge, in denen auch noch Fernseher standen. Auch Reporter sind gekommen, denn dass deutsche und polnische Studenten gemeinsam in Frankfurt (Oder) das Länderspiel schauen, ist etwas Besonderes. Wegen der alten Rivalität, und weil Brandenburg in letzter Zeit oft als „No-go-Area“ für Ausländer bezeichnet worden wahr. Student Bogdan hätte sich ein Unentschieden gewünscht. Er findet: „Wir haben euch Klose und Podolski gegeben, da könnt ihr uns doch die Chance drinzubleiben, schenken.“

Solche Nettigkeiten sind zumindest auf offizieller Ebene derzeit selten zwischen Frankfurt und Slubice, der Partnerstadt auf der polnischen Flussseite. Dass sich die Frankfurter zu Jahresbeginn mit 83 Prozent gegen den Bau einer Straßenbahn nach Slubice ausgesprochen haben, hat viele Polen schockiert. Und die politischen Chefs der beiden Städte, Frankfurts Oberbürgermeister Martin Patzelt (CDU) und sein Amtskollege Ryszard Bodziacki haben genug eigene politische Probleme, um sich 100-prozentig auf die Partnerschaft zu konzentrieren.

Und so richtig konnte auch der Fußball gestern die Grenze nicht überwinden. Im Biergarten auf der Insel Ziegenwerder, die mitten in der Oder liegt, haben sich Hunderte vor allem deutsche Fußballfans versammelt. Christoph Lindner und Rico Schmidt sind aus Küstrin gekommen. Die beiden 19-Jährigen haben gerade das Abitur in der Tasche und wollten „einmal so feiern wie die Leute in Berlin, Hamburg oder München“. Der Ex-Frankfurter René Pschowski ist gar extra aus dem Zillertal angereist. Dort lebt und arbeitet der 24-Jährige, aber dieses Spiel wollte er zu Hause schauen.

In Slubice sind zur WM alle öffentlichen Straßen geflaggt, dafür sieht man wenig Fahnen an Autos. Am alten Oderhafen hat ein Wirt eine große Leinwand aufgestellt. Und obwohl das öffentliche Feiern in Polen keine große Tradition hat („Wer etwas auf sich hält und Familie hat, feiert daheim“, sagt der Frisör David Subocz), ist sein Bierzelt bis auf den letzten Platz gefüllt. Fast nur junge Männer sind gekommen, die in der Halbzeit noch bierselig zur Oder laufen und ihre Freude über das 0:0 mit Plastiktröten nach Deutschland bliesen. Die Freude verging ihnen dann aber bis zum Abpfiff.

An der Grenze selbst war während des Spiels nicht viel los. Auf der Brücke kontrollieren polnische und deutsche Beamte gemeinsam. Und sehr gründlich. Sie hatten bereits am nach Nachmittag eine Dosis deutsch-polnisches Fußballfieber gehabt: Da haben sie selbst gespielt.

Als der Schlusspfiff ertönt, geht in Ziegenwerder der Jubel los, Slubice legt Trauer an, und die Studenten lassen eine Party steigen.

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