Berlin : Hart backbord – letzte Ausfahrt West-Berlin

Vor 44 Jahren wurde das Ausflugsschiff „Friedrich Wolf“ entführt und brachte 14 Menschen durch den Kugelhagel in die Freiheit

Lothar Heinke

„Die hauen ab. Los! Hinterher!“ Auf dem Ost-Berliner Polizeiboot entsichern sie die Maschinenpistolen. Grenzposten feuern ihre Salven auf das langgestreckte Flaggschiff der „Weißen Flotte“, Kugeln durchschlagen die Bullaugen, prasseln auf den weißen Stahlrumpf der „Friedrich Wolf“. Selbst von der Oberbaumbrücke schießen sie. Doch der Ausflugsdampfer ist, volle Kraft voraus, nicht aufzuhalten. Als er, vom Treptower Hafen kommend, unter der Elsenbrücke hindurchfährt und dann unvermittelt hart backbord an der Lohmühleninsel links in den Landwehrkanal biegt, treffen ihn, wie später ein Stasi-Protokoll vermerkt, 138 Schüsse. Und dann drehen ihre Verfolger plötzlich ab. Die Flüchtenden erblicken im Sehschlitz der mit Stahlplatten gesicherten Steuerkabine auf der Kreuzberger Seite West-Berliner Polizisten. Das rettende Ufer! Hier legen sie nach 15 Minuten an. Es hat geklappt. 13 Männer und Frauen (und ein Baby) sind da, wo sie seit dem 13. August 1961 hin wollten. Im Westen. In Freiheit. Im neuen Leben.

Die Geschichte passierte ein knappes Jahr nach dem Mauerbau, am 8. Juni 1962. „Drei Monate lang haben wir das geplant“, sagt Christel, „wir kannten uns, da war Vertrauen und Verlass. Wir waren uns einig, dass wir nicht eingesperrt leben wollten.“ Die Gelegenheit, in den anderen Teil der mit Mauern und Stacheldraht gespaltenen Stadt zu kommen, war günstig: Das Schiff durfte mit offizieller Genehmigung zu einer Reparatur in den Osthafen fahren. Im Morgengrauen des Freitags vor Pfingsten sollte das kühne Abenteuer beginnen. Früh um fünf kamen die Angehörigen und ein Baby an Bord des Schiffes mit dem Namen des antifaschistischen Arztes und Schriftstellers „Friedrich Wolf“, dem Vater des späteren Regisseurs Konrad und des Spionagechefs Markus Wolf. Einziges Fragezeichen und der große Risikofaktor an Bord waren der Kapitän Paul Scholz und Heinz, der erste Maschinist. Die waren hundertprozentig für den Mauerbau, wie konnte man sich ihrer entledigen? Sie wurden am Abend vorher „abgefüllt“, also betrunken gemacht. Und vor dem Ablegen in Treptow musste der Kapitän, falls er erwachte (was er dann auch tat), in seiner Kajüte eingesperrt und ans Bett gefesselt werden. Am West-Berliner Ufer hatte er dann die Wahl: das Schiff zurückbringen oder bleiben. Er entschied sich für das Schiff und für seine Republik, wurde zur Frachtschifffahrt strafversetzt und ist vor einigen Jahren gestorben. Die meisten anderen, die damals das Ausflugsschiff in den Westen steuerten (oder im Unterdeck auf dem Boden lagen, als es durch den Kugelhagel fuhr), sind 44 Jahre älter geworden und können von den wichtigsten Minuten ihres Lebens erzählen, als ob es gestern war. Die Regisseurin Inga Wolfram und ihr Co-Autor Helge Trimpert haben aufmerksam zugehört und aus der Fluchtgeschichte der „Friedrich Wolf“ einen spannenden, berührenden Film gemacht, der morgen in der ARD unter dem Titel „Letzte Ausfahrt West-Berlin“ ausgestrahlt wird. Die erfahrene Dokumentaristin erzählt die Geschichte auf mehreren Ebenen. Da sind die Gesichter der Berliner, nachdem ihre Stadt zerrissen wurde: Trauer, Entsetzen und Verzweiflung. Da ist die von Schauspielern vorgeführte spannende Handlung (mit dem schwergewichtigen Horst Krause als Kapitän Paul Scholz), und da sind schließlich die tollkühnen Frauen und Männer von damals, von denen der Zuschauer erfährt, wie das Manöver hart backbord ihr Leben beeinflusst hat. Jörg Lindner, der Schiffskoch, der Kognac und Sekt für den Kapitän aus seiner Bar geholt hatte, lebt heute in Schweden und lehrt Geschichte an der Universität Umea. Bodo Kunkel wollte 1965 seine Heimat Ost-Berlin besuchen, wurde wegen Republikflucht zu zwei Jahren verurteilt, ging dann zurück in den Westen. Steuermann Peter Warszewski ist Bauunternehmer in Spanien, den zweiten Steuermann Peter Currle traf das Team in Frankreich. Das Baby vom 8. Juni ’62, Uwe-Jens Lindner, arbeitet in der Pressestelle des WDR, der den Film produzierte. Die „Friedrich Wolf“ wurde nach Polen verkauft, schwimmt dort unter dem Namen „Thüringen“. Gestern bei der Vorführung des Films war auch Ex-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski beeindruckt: „Wenn die DDR langsam zu verdämmern beginnt, sind solche Filme Brücken zum Verständnis und sehr wichtig, um die ganze traurige Geschichte zu begreifen.“

„Letzte Ausfahrt West-Berlin“ läuft am Mittwoch 23 Uhr 05 in der ARD.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben