Berlin : Harte Auslese

Auf der Berliner Halbinsel Reiherwerder zieht das Auswärtige Amt die Botschafter von morgen heran

Henning Zander

„Seien Sie vor allem ehrlich zu sich selbst“, warnt die Internetseite des Auswärtigen Amtes Interessenten vor der Bewerbung auf die Laufbahn eines Beamten des höheren Dienstes. Denn wer Deutschland in der Welt vertreten will, muss damit rechnen, alle drei Jahre seinen Wohnort zu wechseln. Vielleicht wird man den kulturellen Austausch in Paris pflegen. Vielleicht wird man aber auch in Kabul den Aufbau einer jungen Demokratie unter dem Schutz von UNO-Soldaten begleiten. Derzeit vertreten 220 Botschaften und Konsulate weltweit die Interessen der Bundesrepublik im Ausland. Noch bis zum 30. Juni kann man sich auf der Internetseite des Auswärtigen Amtes für diese Laufbahn bewerben.

Amelie Utz hatte lange nachgedacht, mit Freunden und Familie gesprochen, bevor sie sich dazu entschied, sich auf den höheren Dienst des Auswärtigen Amtes zu bewerben. Noch während des Studiums der Sprachen, Wirtschafts- und Kulturraumstudien in Passau nahm sie am Auswahlverfahren teil. „Ich hatte das Auswärtige Amt schon länger als Arbeitgeber im Hinterkopf. Mich reizen fremde Länder. Internationale Beziehungen finde ich spannend“, sagt die 25-Jährige. Ihr Spezialgebiet ist der spanischsprachige Raum, ein halbes Jahr hat sie in Madrid gelebt. In ihrer Diplomarbeit widmete sie sich den Auswirkungen der Terroranschläge vom 11. März 2004 auf die Parlamentswahlen in Spanien. Trotzdem will sie sich nicht auf Spanien festlegen lassen: „Ich bin da ganz offen. Schon als Attaché wird man zum Generalisten ausgebildet.“

Attachés, so heißen die Auszubildenden für den höheren Dienst, müssen auf alles gefasst sein. Peter Dingens ging als Volkswirt mit sehr guten Französischkenntnissen in die Ausbildung. Als er sie beendete, war jedoch seine erste Arbeitsstelle 1965 das Generalkonsulat im amerikanischen Chicago. Danach wurde er nach Moskau in die Sowjetunion beordert. Später war er Botschafter in Mexiko und Ägypten und Beauftragter der Bundesregierung in Bonn für den Nahen und Mittleren Osten. „Die größte Herausforderung ist es, sich jedesmal wieder in das neue Arbeitsumfeld einzuarbeiten“, sagt der seit dem Jahr 2000 pensionierte Diplomat. Ohne ein Wort Russisch kam er nach Moskau. Die Sprache musste er schnell nebenbei lernen, denn als Pressereferent wurde von ihm verlangt, jeden Morgen einen Überblick über die Themen in den russischen Zeitungen zu erstellen. Das war 1968, in den Hoch-Zeiten des Kalten Krieges. Fehler waren nicht erlaubt. „Der Bericht musste zu 100 Prozent sitzen“, sagt Dingens.

Jährlich bewerben sich etwa 2000 Menschen auf den höheren Dienst des Auswärtigen Amtes. 1200 kommen in das schriftliche Auswahlverfahren. Nur etwa 35 bis 45 Personen bleiben nach den harten Aufnahmetests übrig. Sie kommen aus den verschiedensten Fachrichtungen. Unter ihnen sind Absolventen der Politik, der Geschichte, Philosophie oder der Naturwissenschaften. „Die verschiedenen Hintergründe der Attachés bereichern die Ausbildung an der Akademie ungemein“, sagt Amelie Utz. Juristen stellen allerdings traditionell die größte Gruppe, denn Rechtskenntnisse sind in der Arbeit unerlässlich. In der einjährigen AusbilduDie Attachés werden unter anderem in Geschichte, Volkswirtschaft und Völkerrecht geschult. Außerdem bekommen sie regelmäßigen Sprachunterricht in Englisch und Französisch. Für alle stehen Etikette und Protokoll auf dem Stundenplan, denn im späteren Berufsleben kann es auch zu den Aufgaben gehören, einen Staatsbesuch zu organisieren. „Man muss für den Beruf über ein großes Bündel an Fähigkeiten verfügen“, sagt Ex-Botschafter Dingens. „Man sollte die Sprache des Landes sprechen, in dem man arbeitet. Man sollte die Mentalität des Landes verstehen lernen. Man muss Kontakte pflegen. Wer dasitzt und schweigt, ist fehl am Platz“, sagt er.

Leben und Arbeit der Attachés sind auch räumlich eng verknüpft. Viele wohnen auf der Halbinsel Reiherwerder am Tegeler See. Dort steht die prunkvolle Villa Borsig, gebaut von einem Industriellen der Kaiserzeit. Das Auswärtige Amt nutzt das Gelände der Villa für die Ausbildung seiner Mitarbeiter. Die Diplomatenschule war lange im Bonner Stadtteil Ippendorf angesiedelt. Erst Anfang des Jahres wurde sie nach Berlin auf die Halbinsel verlegt. „Wir sind während der Ausbildung ein Jahr zusammen. Da entwickelt sich ein richtiges Zusammengehörigkeitsgefühl. Und es können sich sehr gute Freundschaften entwickeln“, sagt Amelie Utz. In der Villa Borsig wird gerne von einem Crew-Geist gesprochen. Das Wort Korps-Geist wird unter den Diplomaten dagegen gemieden. Zu sehr erinnert es an den Standesstolz, der dem höheren Dienst nachgesagt wird. Während der Ausbildung erhalten die Attachés einen Lohn von etwa 900 Euro brutto. Das Einstiegsgehalt richtet sich unter anderem nach dem Alter und beginnt bei etwa 2900 Euro.

Die jungen Diplomaten müssen Wunschstationen für ihre Arbeit angeben. Einsatzorte werden nach ihrer Beliebtheit in verschiedene Kategorien unterteilt. Nach einem attraktiven Standort wie etwa New York folgt die Arbeit in einer abgelegeneren Botschaft oder Konsulat. Auch Krisengebiete gehören dazu. Der Einsatz in einem gefährlichen Land wird mit einem Gehaltszuschlag honoriert. In die Wunschliste können familiäre Belange einfließen. Doch als Diplomat muss man mit Einschränkungen rechnen. „Die privaten Probleme müssen sich oft unterordnen“, sagt der ehemalige Botschafter Dingens. Seine Kinder hätten unter den vielen Umzügen gelitten. „Für den Partner ist das eine richtige Belastung. Besonders, wenn er einer eigenen Arbeit nachgehen will.“ Denn das letzte Wort bei einem Einsatz hat das Auswärtige Amt.

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