Berlin : Harte Schulstrafen: Verstöße werden öffentlich gemacht

Direktor hängt Fotos von Realschülern aus. Datenschutzbeauftragter: „Rückfall ins Mittelalter“

Susanne Vieth-Entus

Berlins Lehrer sind längst nicht so wehrlos, wie es die Diskussion um die Neuköllner Rütli-Hauptschule nahe legt. Immer mehr Kollegien melden sich mit erfolgreichen Erziehungskonzepten zu Wort. Da gehen Schüler nach Regelverstößen zur Wiedergutmachung in Seniorenheime, um alten Menschen beim Essen zu helfen, da zieht man sie zum Laub harken heran oder bildet sie gar zu Streitschlichtern aus, um ihr Verhalten „umzudrehen“. Auf überwiegende Ablehnung stößt aber die Vorgehensweise eines Steglitzer Schulleiters, der Fotos von Missetätern aushängt. Berlins Datenschutzbeauftragter Alexander Dix nannte dies gegenüber dem Tagesspiegel einen „Rückfall ins Mittelalter“.

Wie gestern bekannt wurde, ist es an der Friedrich- Bergius-Realschule üblich, Schüler, die aufgrund kleinerer Vergehen – etwa wegen eines Schokoriegel-Diebstahls – Cafeteria-Verbot haben, mit Namen und Foto auszuhängen. „Das dient den Lehrern, die dort Aufsicht führen, als Information“, rechtfertigt Schulleiter Michael Rudolph das Vorgehen. Es sei nicht als Erziehungsmaßnahme gemeint. Bildungssenator Klaus Böger (SPD) trat dem gestern nicht entgegen, sondern verwies auf die Eigenverantwortung der Schule.

Das will der Berliner Datenschutzbeauftragte so nicht hinnehmen. Das Vorgehen des Schulleiters sei „eindeutig unzulässig und rechtswidrig“ und verstoße „gegen das allgemeine Persönlichkeitsrecht und das Datenschutzgesetz“. Das werde er sowohl Senator Böger als auch dem Schulleiter mitteilen.

Unterstützung bekommt Dix von den Bildungspolitikern der Grünen, der FDP und der CDU. CDU-Schulexperte Gerhard Schmid sagte, diese Art des „Anprangerns“ konterkariere die Erziehungsziele der Berliner Schulen. Es sei „traurig“, dass der Rektor „von der Verwaltung gedeckt“ werde. Dadurch werde ihre Verantwortung gegenüber den Schülern „mit Füßen getreten“.

„An den Pranger stellen geht nach hinten los“, meint auch Reiner Haag, der das erfolgreiche Streitschlichterprojekt der Tempelhofer Werner-Stephan-Hauptschule vor Jahren ins Leben gerufen hat. Auch an dieser Schule hatte es kürzlich kleinere Diebstähle in der Cafeteria gegeben: „Wir haben die Schüler gebeten, selbst eine Lösung zu finden“, berichtet Haag. Ergebnis: Der Übeltäter musste zusätzliche Cafeteria-Dienste ableisten. Das sei allemal besser, als einen Schüler per Fotoaushang zu stigmatisieren.

Die Schule hat mit einer Vielzahl von Ideen Gewalt und Schmutz eingedämmt. Dazu gehört, dass 25 Schüler so ausgebildet wurden, dass sie zusammen mit Lehrern Aufsicht führen können. Sie übernehmen auch Patenschaften für schwierige Schüler. Wer dreimal bei Verstößen ertappt wird, muss dem Hausmeister zur Hand gehen. Auch Erhard Laube von der Spreewald-Grundschule ist sicher, dass nur solche Regeln Sinn machen, die von den Schülern mit erarbeitet werden.

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