Berlin : Harte Welle

Manuel Skora ist seit 14 Jahren Bademeister in Kreuzberg, auch im berüchtigten Prinzenbad. Oft hat er mit aggressiven Gästen zu tun, die deutliche Ansagen brauchen.

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Fels in der Brandung. Bademeister Manuel Skora, 40, wacht im Kreuzberger Prinzenbad nicht nur über die Einhaltung der Schwimmordnung. Er passt auch auf, dass sich die Gäste benehmen. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Fels in der Brandung. Bademeister Manuel Skora, 40, wacht im Kreuzberger Prinzenbad nicht nur über die Einhaltung der...

Der Albaner muss heute als erstes gehen. Ist immer wieder vom Beckenrand gesprungen, hat alle Warnungen ignoriert, hat Manuel Skoras Kollegen ins Gesicht gelacht und laut „Mir doch egal“ gerufen. Dann ist er gleich noch mal gesprungen. Später, als er vom Sicherheitsdienst nach draußen geführt wird, wird er Skora noch warnen, dass der in den nächsten Tagen bitte gut auf seinen Kollegen aufpassen soll. Nicht, dass dem noch was geschieht. Den Jugendlichen kennen sie hier, sagt Skora. Im letzten Sommer sei der noch netter gewesen, aber jetzt, so mit 17, beginne das Rüpelalter. Egal. Morgen darf er wieder kommen.

Manuel Skora kennt die meisten hier schon sehr lange. Seit 14 Jahren ist er Bademeister in Kreuzberg, in den Sommermonaten im Prinzenbad, ansonsten steht er im Baerwaldbad am Beckenrand. In den letzten Tagen ist viel geschrieben worden über Berlins Freiluftbäder, von Gewalt war die Rede und von Jugendlichen, die nicht auf Bademeister hören. Die sich nicht mal von Polizisten einschüchtern lassen. Es war nicht alles falsch, was dort zu lesen stand, sagt Skora, aber manches arg übertrieben.

Auch er hat brenzlige Situationen erlebt. Zum Glück keine Gewalt, jedenfalls nicht gegen ihn. Schlichten, ermahnen, rauswerfen musste er oft. Im Vergleich zum Sommerbad Neukölln gehe es hier aber friedlich zu, sagt er. Ein Grund sei, dass in Kreuzberg das Team der Schwimmmeister über viele Jahre konstant zusammenarbeite. Man muss mit den Kindern alt werden, sagt Skora, dann kennen und respektieren sie einen. Manchmal stellen sich die älteren Brüder von jungen Störern auf seine Seite und sagen: Der Mann hat Recht.

Heute ist es eher ruhig. Sie haben das Bad erst um 14 Uhr geöffnet statt wie sonst um sieben. Ein Chlorwert stimmte nicht, die Filteranlage brauchte mehr Zeit. Das passiert, wenn es lange heiß ist und die Gäste sich nicht abduschen. So gelangt ausgeschwitzter Harnstoff ins Wasser. Gegen drei sind erst ein paar hundert Besucher auf dem Gelände. Da fällt es leicht, den Überblick zu behalten, das Megafon bleibt in der Ecke. Die alte Garde der Bademeister habe abgedankt, sagt Skora, die Zeit des Rumbrüllens sei vorbei. Aber: Einen auf „supersozialen Sozialarbeiter machen“ sei auch verkehrt. Skoras Prinzip geht so: Sonnenbrille abnehmen, Blickkontakt suchen. Dann höflich, aber bestimmt reden. Wer keine deutlichen Ansagen macht, habe verloren.

Trotzdem eskaliert es manchmal. Vergangene Woche haben Jugendliche vor dem Eingang gewartet, dass ein Mann vom Sicherheitsdienst rauskommt, von dem sie sich provoziert gefühlt haben. „Komm doch, du Hurensohn“, riefen sie. Und: „Ich fick dich.“ Naja, die Klassiker eben, sagt Skora. Ja, man müsse es so aussprechen: Die Probleme im Prinzenbad gingen meist von türkischen und arabischen Jugendlichen aus. Was man aber auch aussprechen müsse: In den Ostbezirken seien es andere. Zum Beispiel Russlanddeutsche, „Faschokids“ oder einfach nur asoziale Deutsche. Skoras Freunde konnten lange nicht verstehen, warum er sich ausgerechnet diesen Job ausgesucht hat. Und manchmal denkt er heute: Ich hätte auch einen guten Polizisten abgegeben. Aber glücklich sei er schon. Schließlich habe er drei Berufe in einem: Streetworker, Sicherheitsmann, Lebensretter.

Es wird viel geklaut dieses Jahr. Von den Decken auf der Wiese, wenn sie unbeobachtet sind, aus den Schließfächern in der Umkleide. Manchmal kriegen die Diebe Schlüssel und Ausweis gleichzeitig in die Hand. Dann kann es passieren, dass sie die Wohnung des Bestohlenen ausräumen.

Insgesamt 300 Berliner haben Hausverbot bei den Bäderbetrieben. Manche bloß für wenige Tage, manche für einen Monat oder ein Jahr. Die Namen derjenigen, die derzeit nicht ins Prinzenbad dürfen, stehen oben in einem Ordner, auf drei A4-Seiten, in Klarsichtfolie. Hinter 27 steht der Zusatz „unbegrenzt“. Es gibt schlimme und weniger schlimme Delikte, und die Bademeister müssen entscheiden, ob sie die Polizei rufen. Eines der schlimmsten, sagt Skora, sind „die sexuellen Sachen“. Erwachsene deutsche Männer, die am Nichtschwimmerbecken darauf warten, nackte Kinder zu fotografieren. Erst vorgestern hatten sie so einen Fall, sie haben sofort die Polizei gerufen. Und dann sind da die Männer, die Frauen in den Schritt fassen, die haben meistens Migrationshintergrund.

Das Prinzenbad sei nichts für Anfänger, hat einer von Skoras Kollegen einmal gesagt. Und dass Neulinge besser schnell laufen können sollten. Da hat er Recht, sagt Manuel Skora. In einem Sommer haben sich acht Mitarbeiter aus Prenzlauer Berg krank gemeldet, nachdem sie erfahren hatten, dass sie im Prinzenbad eingesetzt werden sollten.

Die Leute haben ein komisches Bild von Bademeistern, sagt Skora. „Manche denken: So möchte ich auch mal meinen Urlaub verbringen.“ Dabei hat er im Sommer eine Sechs-Tage-Woche, und pro Tag arbeitet er bis zu zehn Stunden. Und den freien Tag muss er natürlich unter der Woche nehmen, denn am Wochenende werden alle gebraucht. Sebastian Leber

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