Berlin : Harte Zeit für Blaumacher

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Von Ingo Bach

Schreiben Berlins Ärzte ihre Patienten zu bereitwillig krank? Die Krankenkassen hegen diesen Verdacht seit langem und wollen den entsprechenden Medizinern und „Blaumachern“ nun entgegentreten: Sie planen eine schärfere Beobachtung der Krankschreibungen. „Sie soll ebenso intensiv sein, wie jetzt schon die Verschreibung von teuren Arzneimitteln überwacht wird“, sagt der Pressesprecher der Berliner Ersatzkassen, Andreas Kniesche. „Kein Betrüger soll sich sicher fühlen können.“ Konkrete Vorstellungen, wie sich dieses Vorhaben verwirklichen lässt, gibt es allerdings noch nicht.

Gerade in Berlin sind auffällig viele Menschen krankgeschrieben, urteilen die Kassen. Arbeitgeber beschweren sich darüber immer wieder bei den Versicherungen und der Ärztekammer. Bestätigt sehen sich die Kassen auch durch den Gesundheitsbericht 2002 der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK), der vergangene Woche vorgestellt wurde. Tenor: In der Hauptstadt ist der Krankenstand seit Jahren am höchsten – mit 4,8 Prozent 1,3 Prozentpunkte über dem Bundesdurchschnitt. Die Gründe für diese Spitzenposition sind vielfältig; Angst um den Arbeitsplatz im Öffentlichen Dienst, Unzufriedenheit oder zunehmender Stress. Doch auch ein Trend zum Blaumachen wird immer wieder angeführt.

Die Krankenkassen schauen den Ärzten zwar auch heute schon genau auf die Finger, aber in der Regel erst dann, wenn sie zahlen müssen – also ab der sechsten Woche, wenn das Krankengeld fällig wird. Dann schalten sie den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) zur Begutachtung ein – im letzten Jahr rund 60 000 Mal. Doch nicht alle Patienten folgten der Einladung. 42 Prozent von ihnen meldete sich stattdessen beim Arbeitgeber wieder als plötzlich gesundet zurück. Und von den 36 000 Erschienenen schrieb der MDK mehr als die Hälfte sofort gesund – im Bundesschnitt liegt diese Quote bei rund 25 Prozent. Das heißt, nur knapp jeder Vierte der 60 000 Arbeitsunfähigen, die die Kassen in Berlin zur Überprüfung auswählten, war zum Zeitpunkt der Begutachtung tatsächlich krank.

Hoch ist auch der Anteil, den Arbeitgeber vom Medizinischen Dienst untersuchen lassen. 6700 Patienten mussten sich dem Begutachter stellen, weil die Arbeitgeber Zweifel hatten, dass die Krankschreibung notwendig war. Zum Beispiel, weil ihnen auffiel, dass der Beschäftigte häufig von Montag bis Freitag krankgeschrieben war. Das sind elf Prozent aller Fälle, die der MDK begutachten sollte – im Bundesdurchschnitt sind es nur sieben Prozent. Ein Betrug aber lässt sich so nicht beweisen, denn: „Wir wollen keine Simulanten überführen, sondern einen Weg finden, die Heilung zu beschleunigen", sagt ein Mitarbeiter des MDK, der nicht genannt werden will. Ob beispielsweise eine Rehabilitation helfen würde oder eine andere Therapie. Ein Blaumacher ließe sich auch nur schwer überführen. „Wir können nur für den Augenblick der Begutachtung sagen, ob jemand krank ist oder arbeitsfähig", heißt es beim MDK. Ob die Krankschreibung berechtigt war, das ließe sich nicht rückwirkend feststellen.

Ein weiteres Problem: Es sei unmöglich, bei Krankschreibungen von wenigen Tagen Blaumachern auf die Schliche zu kommen, heißt es bei den Krankenkassen. Denn die Begutachtungsmaschinerie braucht länger, um überhaupt in Gang zu kommen. Gleichwohl wollen sich die Kassen nun gegen Blaumacher zur Wehr setzen und suchen jetzt nach Lösungen.

Dass es in Berlin – wie in anderen Großstädten auch – zu ungerechtfertigten Krankschreibungen kommt, gibt auch der Berliner Ärztekammerpräsident Günther Jonitz zu. „Der Konkurrenzdruck unter den Ärzten ist größer als auf dem platten Land“, sagt er. Da sei es einfacher, einen Mediziner zu finden, der einen Krankenschein ausstellt, damit der Patient ihm treu bleibt. Auch sei in der „Sozialhauptstadt“ die Energie mancher Patienten größer, Beschwerden zu simulieren, um zu Hause bleiben zu können.

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