Berlin : Hartes Pflaster

Der Produzent, der die Strokes erfand: Gordon Raphael ist nach Berlin gekommen, weil hier nicht jeder gleich Popstar werden will

Kai Müller

Mehrfach hat ihn die Musikgeschichte nur gestreift, bevor Gordon Raphael ein Teil von ihr wurde. Sein Vater, ein Mediziner, der den Einfluss von Drogen auf die Gehirnzellen untersuchte, war Jazzsaxofonist. Nirvana fragten Raphael einmal, ob er nicht als Gitarrist bei ihnen einsteigen wolle. Dann sah er eines Tages zwei Bands in einem New Yorker Club, von denen ihm die erste gut gefiel, trotzdem fragte er beide, ob sie nicht vorbeikommen wollten, um in seinem Studio ihre Musik aufzunehmen. Eine von den beiden kam, und es war nicht die, die er gut fand. So wurde er zum Produzenten der Strokes und schrieb Musikgeschichte. Heute lebt er in Berlin

In einem hellen, aufgeräumten Zimmer über der Schlesischen Straße stehen Keyboards und E-Gitarren, Goldene und Platin-Schallplatten lehnen an der Wand. Antiquierte Synthesizer sind da, die ihren Ursprung in der Funktechnik nicht verheimlichen. Auf Regalbrettern hat Raphael seine Lieblingsplatten arrangiert. Eine „Installation“ nennt der Produzent die Vinylsammlung. Nina Hagen neben Grandmaster Flash, Zappa neben Bowie. Was Gordon Raphael wichtig findet, steht vorne.

Die Platten haben einen weiten Weg hinter sich. Von Seattle, wo er aufwuchs, nach New York, wo er scheiterte. Weiter nach Los Angeles, wo er sich am falschen Platz wähnte, und zurück nach Seattle, wohin er musste, als seine früheren Weggefährten plötzlich mit etwas Erfolg hatten, was sich Grunge nannte. Er stieg als Keyboarder bei einer Band namens Sky Cries Mary ein, die von einem singenden Ehepaar angeführt wurde und sieben acid-umwölkte Alben machte.

Wieder in New York hatte der Lockenkopf, der 1957 am Hudson River geboren wurde, mehr Glück. Statt sich um seine eigenen Songs zu kümmern, fing er nun an, sich um die anderer verdient zu machen. „Ich dachte, ich müsste Hunderte von Bands aufnehmen, bevor sich die Sache für mich einmal lohnen würde. Denn New York war nicht gerade aufgeschlossen gegenüber elektrischen Gitarren damals. Ich hörte mir nachts junge Bands an, die ich am Tag darauf aufnahm.“ So war es auch mit den Strokes. Deren erstes Demotape spielten sie in nur drei Tagen ein. In drei Tagen hoben sie den ungezähmten, lauten Gitarrenrock auf die Agenda zurück. Was eine ganze Generation junger Musiker bis heute veranlasst, in klaustrophobisch engen Klangräumen immer lauter, ungestümer und raffinierter auf ihre E-Gitarren einzudreschen.

Dieser rohe, schnelle und direkte Stil setzt sich auch in Berlin immer stärker durch, woran Raphael nicht unbeteiligt ist. Als Mitglied der Transporterraum- Gemeinschaft um den Klangmagier Moses Schneider hat er Bands wie die Beatsteaks und Spitting Off Tall Buildings mit betreut. „Am liebsten habe ich es“, sagt Raphael, „wenn die Band tolle Songs hat, der Sänger großartig ist und das Schlagzeug mich umhaut. Im Studio muss ich dann nur noch dafür sorgen, dass sie sich wohlfühlen, und schon bin ich ein großer Produzent.“ Er sagt es schmunzelnd. Was erklären mag, warum er so selten von Plattenfirmen engagiert wird. Dabei hat eine ihren Sitz nur einen Steinwurf von seinem Domizil entfernt auf der anderen Spreeseite. Er war auch mal da. Die Universal-Leute hätten ihn freundlich empfangen. Immerhin besuchte sie ein Typ, ohne den die Popkultur heute anders aussähe.

Aber es war wie immer: Tee wird aufgesetzt, er kritzelt sein Autogramm auf Strokes-Bilder und spielt ihnen Bands vor, die er für seine eigene kleine Ein-Mann-Plattenfirma Shoplifter Records gewonnen hat. Man schüttelt ihm zum Abschied die Hand. Dabei bleibt’s. „Wenn A&R-Manager hören, was ich gut finde und aufgenommen habe, ist die Sache meistens gelaufen. Die glauben einfach nicht, dass sie es verkaufen können. Oder es interessiert sie nicht, weil es so bedrohlich und kaputt klingt.“ Aber er könne auch nicht, sagt er, mit einem Model ins Studio gehen und jede Note, das es singt, am Computer nachbearbeiten, damit eine Plattenfirma etwas damit anfangen kann. So was tun Produzenten. „Sie verwandeln etwas, das langweilig klingt, in eine Sensation.“

Obwohl sich Raphael große Mühe gab, von dem Strokes-Erfolg, der mit seinem Namen verknüpft war, zu profitieren („I wanted to be big“), hat ihn das Tagesgeschäft längst eingeholt. Zum Arbeiten fährt er oft nach London, wo ein Teil seines Equipments den „Silver Transporterraum“ bildet und mehr Geld abwirft als in Berlin. Hier ist er wegen Schneider, den er als „Einstein des Sounds“ verehrt. Die Stadt erinnert ihn an Seattle in the old days, bevor Microsoft und Starbucks die Macht übernahmen. Als die Straßen und Clubs von ungewöhnlichen Typen mit Holzfällerhemden und Dreadlocks bevölkert wurden, von Leuten, die anders aussehen wollten. „Die Berliner haben Zeit, sich sehr ernsthaft mit kreativen Projekten auseinanderzusetzen.“ Doch, fügt Raphael hinzu, die ökonomische Situation in der Stadt sei auch ein zweischneidiges Schwert. Man müsse zwar nicht sehr hart arbeiten, um über die Runden zu kommen, doch ist der Markt zu schwach, um Bands mit angemessen üppigen Budgets zu versehen. Die Musik ist in der Isolation der billigen Existenz gefangen.

Eine „druggy, messy culture“ nennt er Berlins Nachtleben. „Man sieht Leute auf Mülleimer eindreschen, verstimmte Gitarren spielen und sich auf offener Bühne entkleiden. Die denken nicht daran, eine Platte aufzunehmen. Sie machen das nur für diesen einen Moment. Drogen, Alkohol und Zigaretten machen das Clubleben aus.“ Für Raphael sind das nur Ornamente, Manöver, um vom Kern der Sache abzulenken. Allerdings hat die Berliner Unhast auch für ihn angenehme Folgen. In New York müsste er ständig schuften und würde beim Aufstehen mit dem Kopf an eines seiner Keyboards stoßen. Hier hat er Zeit, nachzudenken, was er als Nächstes anstellen möchte. Sein Label wieder aktivieren, Piano üben oder mal wieder ein paar neue Platten kaufen.

Die Serie finden Sie auch im Internet unter www.tagesspiegel.de/chancen

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