Hartmann Vetter : Der Häuserkämpfer geht in Rente

30 Jahre lang leitete Hartmann Vetter den Berliner Mieterverein. In der Wohnungspolitik machte der bekennende 68er seine eigene Revolution.

Ralf Schönball
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„Riesenkrach“ titelt die Bild-Zeitung. „Bei der größten Mieterorganisation Berlins wackeln die Wände“. Ein Streit spaltet den ehrwürdigen, anno 1888 gegründeten Berliner Mieterverein. Der Geschäftsführer tritt zurück und hinterlässt den 10 000 Mitgliedern und drei Vorständen unbearbeitete Akten und ein heilloses Durcheinander.

Die Bild muss ihren Bericht trotzdem widerrufen. Ein junger Rechtsanwalt zwingt das von Peter Raue vertretene Blatt in die Knie: Das Landgericht erlässt eine Einstweilige Verfügung auf Abdruck einer Gegendarstellung. Man einigt sich auf einen „Vergleich“: Bild lässt sich einen Artikel über den neu formierten Verein in den Block diktieren.

Es ist das Jahr 1979. Der junge Rechtsanwalt heißt Hartmann Vetter und wird im Dezember neuer Geschäftsführer. „14 Tage später wollte ich den Job wieder hinschmeißen“, sagt der drahtige Mann mit dem grauen Dreitagebart. Denn einer der drei Vorstände tritt aus Protest gegen Vetters Bestellung zurück. Und das Chaos im Verein ist größer, als er dachte. Aber Vetter bleibt doch. 30 Jahre lang. Erst im Dezember 2009 geht der 64-jährige wirklich – am Mittwoch dieser Woche wird er feierlich in den Ruhestand verabschiedet. Die Zahl der Mitglieder hat sich unter seiner Ägide verzehnfacht. Der Etat ist zwanzig Mal so hoch wie 1979. 40 hauptamtliche, 120 Honorar-Anwälte und 90 Minijobber treten heute für die Rechte der Berliner Mieter ein.

Vetter ist ein echter 68er. Das bestreitet er nicht – „commandante“ nennen seine Mitarbeiter den Mieter-Che schon mal. Vetter startet im Jahr 2010 zu seinem neunten Marathon. Aber sein langer Lauf – und das unterscheidet ihn von anderen aus seiner Generation – führt nicht nur zu „sich selbst“, sondern zu Grundsätzen, die etwas aus der Mode gekommen sind, Gerechtigkeit zum Beispiel.

Weil dem jüngsten von vier Geschwistern öfters mal das Unrecht der Stärkeren widerfuhr? „Nein“, sagt er, sondern wegen der Blüten, die eine drückende kleinbürgerliche Enge im dörflichen Lemgo in den 60er Jahren treibt – in „einer Zeit der Restauration“, wie er sagt. Alte Nazis kehren an ihre Posten zurück – und verdrängen ein zweites Mal ihre Opfer. So wie der Direktor des Gymnasiums, der als Kommunist Konzentrationslager und Nazi-Regime überlebt hatte, plötzlich abtreten musste. Sein Nachfolger hatte in einer „Nationalpolitischen Erziehungsanstalt“ Nazi-Kader geformt. „Von dem gab es ein Foto, auf dem er neben Himmler posiert“, sagt Vetter.

Vetters Protest wird nicht von der Auseinandersetzung mit den eigenen Eltern befeuert: Sein Vater ist nicht belastet, nicht Nazi, war nicht mal im Krieg, als Großbauer ist er freigestellt. Vetter handelt intuitiv, aus einem Gefühl heraus dafür, was gerecht ist und was nicht – so wie Heranwachsende es oft tun. Warum gerät der bei den Schülern beliebte Direktor unter Druck und warum wird er ersetzt durch einen autoritären, stocksteifen Patriarchen?

Die Antwort auf diese Frage sucht er in West-Berlin. Das erreicht er Ostern 1968. In diesen Tagen wird Rudi Dutschke von einem Attentäter schwer verletzt. Vetter erlebt knüppelnde Reiterstaffeln und eine Gesellschaft, die noch keine Worte für die sittliche Bankrotterklärung eines mörderischen Regimes findet. Drei Jahre später fällt Georg von Rauch unter einer Polizeikugel. Er ist einer der Hausbesetzer im „Bethanien“. Den Soundtrack zu den bald folgenden Protesten liefert die Band „Ton Steine Scherben“ um Sänger Rio Reiser: Im „Rauch-Haus-Song“ geht es um Klassen und Besitz, um Häuser und Besetzung – und im Mittelpunkt des „Klassenkampfes“ steht in jenen Tagen die Westberliner Wohnungspolitik.

„Es war das beherrschende Thema der 70er und 80er Jahre“, sagt Vetter. Entmietung und Kahlschlagsanierung, ganze Altbauviertel in Kreuzberg sollen unter die Abrissbirne, der Klausener Platz in Charlottenburg zum Beispiel. Die Hauseigentümer spekulieren auf Gewinne. Der Mieterverein ruft zu Demonstrationen auf, es kommen 40 000 Menschen. Er setzt das erste Bürgerbegehren durch, schickt Briefe an Bundestags- und Landtagsabgeordnete. Es gibt Polit-Aktionen, „Berlin wird helle!“, und an fast jeder Kreuzberger Brandwand prangen Protestparolen gegen Mietwucher.

Die vielen Aktionen, die Hausbesetzungen, die Solidarität in großen Teilen der Mieterstadt Berlin verändert die gesellschaftlichen Verhältnisse. Der Regierende Bürgermeister Hans-Jochen Vogel (SPD) gibt die Losung aus: Kein Haus wird mehr geräumt, so lange der Eigentümer keine konkreten Nutzungspläne vorlegt. Sein konservativer Nachfolger Richard von Weizsäcker (CDU) hält an dieser Linie fest, und Eberhard Diepgen (CDU) legalisiert sogar besetzte Häuser. „Das konnte nur die CDU machen“, sagt Vetter. Den Linken hätte man den Bruch des Rechtsfriedens vorgeworfen.

Der Weg ist nun frei für die „behutsame Stadterneuerung“, die bis heute das Bild Berlins prägt, historische Bausubstanz rettete und die revolutionäre Energien von Mietern und Hausbesetzern umlenkte in Genossenschaften und Selbsthilfeinitiativen. Gefördert vom Senat leisten sie nun ihren Beitrag zur Schaffung preiswerten Wohnraums. Hartmann Vetter übrigens auch: Zusammen mit anderen kauft er 1980 ein Mietshaus am Stuttgarter Platz, saniert es „und rettet es vor der Spekulation“. Aus dem Mieterchef wird ein Grundbesitzer.

Ende der Achtziger geht es noch einmal in die ganz große Schlacht: Die Mietpreisbindung wird aufgehoben, es kommt zur Konfrontation mit den Vermietern. Den Streit schlichtet wieder ein bürgerlicher Bürgermeister: „Eberhard Diepgen lud uns alle in das Senatsgästehaus ein, da wurde erst mal getafelt“, erzählt Vetter. Eine „soziale Seite“, bescheinigt er Diepgen, spricht aber auch von einer „Überlebensfrage“ für den damaligen Senat. Nach dem Essen einigte man sich auf die Einführung des Mietspiegels, ein Instrument, das sich bewährt.

Zu seinen größten Leistungen zählt Vetter die „Zusammenführung von zwei Welten und zwei Kulturen“ nach der Wiedervereinigung. Das sei sowohl in den Gremien als auch bei den Mitarbeitern des Vereins gelungen. Vereint zogen die Mietervertreter zuletzt gegen ständig steigende Nebenkosten in den Kampf, gegen Spekulationen mit Wohnraum und gegen die „Mythen“ der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, die Leerstand und einen entspannten Wohnungsmarkt in einer Stadt sieht, in der die Mieten seit Jahren den Einkommen davonlaufen.

Vetter spielt dabei geschickt alle Klaviaturen: Der Verein veröffentlicht ein „Schwarzbuch“ mit besonders aggressiv auf Entmietung zielenden Investoren. Und Vetter ruft dazu auf, leer stehende Wohnungen „zu melden“. So erfährt die Öffentlichkeit, was Wohnungssuchende längst wissen: Fast nur noch dunkle, unsanierte und abbruchreife Wohnungen stehen leer – unvermietbar eben.

Vetters Bilanz: „Was wir erreicht haben, gilt es nun zu bewahren.“ Deshalb fordert er eine Begrenzung der Mieten für Neuverträge. Und setzt auf neue Bündnisse: „Linke und SPD wachen langsam auf und entdecken die Wohnungspolitik wieder.“ Vetter sagt aber auch: „Berlin ist eine lebenswerte Stadt, in der Normalverdiener noch die Chance haben, eine Wohnung zu finden“.

Was nun, nach 30 Jahren? Vetter hat sich zum „Dönhoff Trail“ angemeldet: In sechs Wochen 1000 Kilometer auf dem Pferderücken bis in die Masuren. „Danach werde ich meine Zelte im Fitness-Studio aufbauen.“ Der Mann mit der guten Kondition scheint viel zu jung, um nur noch gegen das Alter zu kämpfen.

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