Berlin : Hartmut Domke (Geb. 1944)

Wenn andere Verbotenes probierten, behielt er den klaren Kopf

von

Pink Floyd, 1975, „Wish You Were Here“. Der Song auf dem gleichnamigen Album setzt nicht einfach ein. Das Lied davor, „Have a Cigar“, endet, und man hört ein Radio, an dessen Senderknopf jemand dreht. Fetzen von Stimmen, ein Mann, eine Frau, dann ein paar Takte Tschaikowski, Rauschen, das Knistern einer Vinyl-Scheibe, und erst jetzt beginnt eine akustische Gitarre die Anfangsakkorde zu spielen von „Wish You Were Here“.

Der da vor dem Radio saß und am Regler drehte, das hätte Hartmut sein können. Wegen der Musik, wegen des Radios. Hartmut spielte zwar nicht Gitarre, ein wenig Klavier und zu Schülerzeiten den Bass in einer Band, aber er liebte Pink Floyd. Und er liebte es, an Radios rumzubasteln und später an Computern, auch noch ganz am Ende, als er nur noch in seiner eigenen Welt lebte, fast ohne Erinnerung.

Jung und hellwach hatte er sich entschieden, Elektrotechnik zu studieren. Er mochte es, in den Hörsälen und Seminarräumen der TU zu sitzen. Und er mochte es ebenso, mit Gabi in den alten VW-Bus zu steigen und loszufahren, nach Griechenland, nach Italien, Spanien. Oder ein Auto vom Schrott zu holen, tagelang daran rumzuschrauben, um mit der Kiste, die unterwegs zig Mal liegen blieb, an die französische Mittelmeerküste zu gondeln.

Sein Vater, dem alles Ungezügelte, aus der Ordnung Fallende fragwürdig schien, hatte für dieses Hallodrileben wenig Verständnis. Dazu die ewige Sechzigerjahre-Diskussion um die Haare, die sich die jungen Leute nicht mehr abschneiden wollten. Kurz vor einem Heiligabend eskalierte der Streit. Der Vater sagte: „Sind deine Haare bis Weihnachten nicht ab, bin ich zum Fest nicht zu Hause.“

Hartmut pfiff auf die Drohung, die Haare blieben dran. Der Weihnachtsabend kam, der Vater verließ die Wohnung, müsse noch was besorgen, wie er verkündete. Die Zeit verstrich. Hartmut, seine Schwester, die Mutter standen wartend am Fenster. Einer Nachbarin, die zu Gast war, musste die Situation erklärt werden: „Mein Mann“, log Hartmuts Mutter mühevoll lächelnd, „spielt bei anderen Leuten den Weihnachtsmann.“ Irgendwann tauchte der Vater dann doch auf.

Hartmut schloss, trotz der Reiserei, sein Studium ab, nahm eine Stelle als Systembetreuer im Abgeordnetenhaus an und zog nach zehn WG-Jahren mit Gabi in eine eigene Wohnung. Er hatte sie über einen Freund kennengelernt, zuerst waren sie ganz vorsichtig miteinander, hielten sich zaghaft bei den Händen und zählten die Sterne. „Ich liebe diese Frau, ich werde sie heiraten, das ist mein Leben“, sagte er zu seinem Vater, der Zweifel am Bildungsniveau einer Zahnarzthelferin hatte.

Hartmut heiratete Gabi, sie bekamen zwei Söhne, Aiko und Jesco, sie gründeten einen Kinderladen, antiautoritär selbstverständlich. Sie feierten Feste, bis der Morgen graute. Probierten auch Verbotenes. Wobei Hartmut lieber einen klaren Kopf behielt, beobachtete und auf die Experimentierfreudigen Acht gab, die sich in einen Rausch hineinlachten oder sich in tiefer Melancholie bedenklich weit aus dem Fenster lehnten. Er blieb ruhig in brenzligen Situationen, buchstäblich. Einmal, während eines Korsika-Urlaubs brach auf dem Campingplatz ein Brand aus. Die meisten waren nackt, Hippietum und Freikörperkultur gehörten eng zusammen, und liefen kopflos hin und her. Hartmut rannte geradewegs zum Zelt, holte das Gepäck heraus, brachte es auf ein Boot, das aufs Meer hinausfuhr, Papiere und Kleidung waren gerettet, indes den anderen nichts übrig blieb, als sich in Bettlaken aus einer nahe gelegenen Wäscherei zu hüllen.

Das leichte Leben fand ein abruptes Ende, als Hartmut an Parkinson erkrankte. Seine Söhne waren gerade zwölf und vier. „Ich wollte ihm auf irgendeine Art immer helfen“, sagt der ältere, „deshalb habe ich auch Pharmazie studiert.“ Hartmut spielte weiter Tennis mit ihnen, obwohl er immer wieder hinfiel. Mit aller Kraft stemmte er sich gegen die Krankheit, Jahr um Jahr. Er wollte da sein, als Vater, und es gelang ihm immer weniger. Er verschwand in seiner Welt und mit ihm sein Humor, seine prägnanten Sätze.

Zuerst pflegte ihn Gabi, dann zog er in eine Demenz-WG. Er nahm ein Radio mit und einen Computer. Manchmal hörten die anderen Bewohner zusammen Musik, Volkslieder und Schlager. Er aber bestand darauf, seine alten Platten aufzulegen, von Alan Parsons Project, von Peter Gabriel, von Kate Bush und von Pink Floyd. Tatjana Wulfert

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben