Berlin : Hartmut Walter (Geb. 1932)

Aber über die Jahre verging er nie ganz, der stechende Schmerz

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Sehnte er sich tatsächlich nach dem Baltikum? Vermisste er nicht vielmehr nur einen winzigen Ausschnitt der estnischen Landschaft: die Bucht und den einsamen Strand am Finnischen Meerbusen, die Findlinge und das Fischerdorf, die Sonnenflecken unter den Kiefern, das hübsche Holzhaus, den Duft von Wacholder und Windröschen? War es nicht die Sehnsucht nach den endlosen, heißen Sommern der Kinderjahre?

Jahre, die abrupt endeten. Ein letztes Mal noch hatte Hartmut seinen Geburtstag, den siebten, in diesem ländlichen Glück gefeiert, dann musste er, im Herbst 1939, mit seinen Eltern, der Schwester und den beiden Brüdern Estland verlassen, die Deutsch-Balten, so stand es im Hitler-Stalin-Pakt, sollten umgesiedelt werden.

Die Familie kam nach Posen in das Haus vertriebener oder getöteter Polen. Der Vater, ein promovierter Altphilologe und Gymnasialdirektor, wurde kurz vor Kriegsende eingezogen und kehrte nicht mehr zurück. Die Mutter floh 1945 mit den Kindern Richtung Westen, immer weiter weg von der alten Heimat, in der Hartmut den Erwachsenen dabei zugehört hatte, wenn sie sich „Pratchen“ erzählten, Geschichten, in denen sie nicht von Bergen, Männern und Kühen, sondern Bergchen, Männerchen und Kühchen berichteten und dabei das „R“ rollten. Zumindest konnte er jetzt wieder das rhythmische Rauschen der Wellen hören, den angenehmen Schwindel spüren, wenn der Meereswind ihm ins Gesicht blies. Zwar war es die Nord- und nicht die Ostsee, aber die See, an der er die nächsten Schuljahre verbrachte, auf dem Carl-Hunnius-Internat in Wyk auf Föhr. Und er war dort unter seinesgleichen, denn das Internat nahm vor allem Deutsch-Balten auf. Mit Französisch ging es nur schleppend voran, weshalb das Abitur wiederholt werden musste, aber während des Studiums der Volkswirtschaftslehre, erst in Göttingen und dann in Berlin, krähte ohnehin kein Hahn mehr nach dem Subjonctif. Durch Paris lief er 1953 trotzdem mit dem größten Pläsier, zeichnete mit geschicktem Tuschestrich Gesichter und Gebäude der Stadt, einen Saxofonisten in Saint-Germain-des- Prés, eine Demoiselle mit Hut im Bois de Boulogne. Er war ein Kunstliebhaber, mit einer Passion für den Expressionismus, speziell die Brücke-Maler, besuchte oft Ausstellungen und hängte sich großformatige Bilder in seine Wohnung, von Segelschiffen und Häfen und Landschaften am Meer.

Er studierte, er lernte eine Frau kennen, er schloss das Studium ab, er heiratete, er übernahm einen Posten in der Industrie- und Handelskammer, er ließ sich scheiden. Aber über die Jahre verging er nie ganz, der stechende Schmerz des Abschieds von der Kindheitswelt. Er suchte sich Menschen, die wussten, was er fühlte, trat der Deutsch-Baltischen Landsmannschaft und der Baltischen Segler-Vereinigung bei.

Und eines Tages verspürte er die Lust, ein Feierabendbier in der „Westend-Klause“ zu trinken. Barbara muss an diesem Abend dieselbe Lust verspürt haben, ihre Scheidung lief gerade, die drei Kinder waren groß genug, um ein Stündchen allein zu Hause zu bleiben, also zog sie ihr Dirndl an, ein Urlaubsmitbringsel aus dem Bayerischen, und lief los. Ein Dirndl in Westend, da staunten die Herren. Auch Hartmut, und wagte einen Blick in ihr schönes Dekolleté. „Das fand ich frivol“, sagt sie lachend. Erst ein halbes Jahr später sahen sie sich wieder. „Einen Umsteiger wollte ich auf keinen Fall.“ Mit „Umsteiger“ meint sie einen Mann, der sofort nach einer Scheidung eine neue Frau mit hauswirtschaftlichem Talent sucht. Sieben Jahre lebten sie noch in getrennten Wohnungen, dann nahmen sie eine gemeinsame.

Sie segelten zu zweit wochenlang über die Ostsee, sie fuhren ins Baltikum an den Finnischen Meerbusen. Das Sommerhaus stand nicht mehr.

Aber die Kinder hatten sich eins bei Rheinsberg gekauft, und dort saß Hartmut oft auf einer Terrasse aus Holz, beobachtete die Rotkehlchen in den Kiefern und war glücklich. Er las mit seinen Enkelkindern Tom Sawyer oder machte ihnen Mut während des Studiums. Er spazierte jeden Vormittag zum Theodor-Heuss-Platz und zurück, sommers mit einem Stroh- und winters mit einem schwarzen Filzhut. Er spielte mit Barbara jeden Abend eine Partie Halma. Er musste zur Dialyse, und auch das Herz schlug nicht mehr ganz im Takt. Er kam auf die Intensivstation, und alle waren sicher, er würde es nicht schaffen. Bis eine Schwester bei Barbara anrief: „Sie werden es nicht glauben, ihr Mann sitzt auf einem Stuhl, liest Zeitung und trinkt einen Kaffee.“ Ein zäher Balte. Drei Jahre später ließ er aber doch los.

Er wollte in der Ostsee bestattet werden, ohne Pfarrer, ohne Schnickschnack. Die Familie trank einen Sherry auf ihn, kippte auch ein Glas ins Meer, für Rasmus, den Herrn der Winde, und versenkte die Urne.

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