Berlin : Hartz IV von der Seele reden

Arbeitslosigkeit und Angst vor Armut sind beim Krisentelefon jetzt Dauerthema

Aliki Nassoufis

Streit innerhalb der Familie, Scheidung oder Einsamkeit – das waren bisher die häufigsten Gründe, weswegen sich die Anrufer bei den beiden Berliner Telefonseelsorgen meldeten. In diesem Jahr aber hat sich das verändert, sagt Jürgen Hesse, Geschäftsführer der Telefonseelsorge Berlin. „Seit dem Sommer rufen bei uns immer mehr Menschen an, die Angst haben, wie es für sie nach der Arbeitsmarktreform Hartz IV weitergehen wird.“

Zum Jahresende klingeln bei der Telefonseelsorge die Telefone besonders oft. Drohende Arbeitslosigkeit, eine gerade erfolgte Kündigung und die damit zusammenhängenden finanziellen Probleme hätten die Menschen zwar auch in den vergangenen Jahren beschäftigt. „Aber da standen diese Sorgen etwa auf Platz neun von zehn.“ Mittlerweile aber hätten viele Anrufer einfach Angst vor den Neuerungen, die sie im kommenden Jahr erwarten. So drehen sich etwa ein Viertel aller Anrufe um die Themen Arbeitslosigkeit und – ganz gezielt – um Hartz IV. Das bestätigt auch Uwe Müller, Leiter der kirchlichen Telefonseelsorge Berlin. „Viele sind unsicher, was sie sich im nächsten Jahr noch leisten können und resignieren angesichts der hohen Arbeitslosenzahlen“, sagt er. Wie soll ich mit weniger Geld auskommen? Finde ich eine Arbeitsstelle? Das seien Fragen, die die meisten Anrufer beschäftigen.

„Patentantworten haben wir natürlich nicht parat“, sagt Hesse. Stattdessen versuchen er und seine 120 ehrenamtlichen Helfer, die meist 35- bis 45-jährigen Anrufer zu beruhigen. Dann kann gemeinsam überlegt werden, wie sich akute Ängste bekämpfen lassen. Vor einiger Zeit rief beispielsweise ein Arbeitsloser bei Hesse an. Er schämte sich, seinen Jogger-Freunden zu sagen, dass er sich den an das Training anschließenden Kaffee nicht leisten konnte. Hesse ermutigte ihn, den Konflikt anzusprechen, um sich nicht immer neue Ausreden einfallen lassen zu müssen. Viel mehr kann er bei finanziellen Sorgen allerdings nicht tun. „Die Probleme des Arbeitsamtes lösen – das ist nicht unsere Aufgabe.“

Mit dem Beginn der Adventszeit bekommen seine und die kirchliche Telefonseelsorge Berlin besonders viel zu tun: Sonst sind es durchschnittlich 80 Anrufe pro Tag. Über Weihnachten und Silvester werden es bis zu 260. „Viele fühlen sich dann besonders einsam“, sagt Hesse. Andere leiden, weil unterm Weihnachtsbaum handfeste Konflikte innerhalb der Familie ausgebrochen sind. „Das wird oft als Super-Gau empfunden“, so Hesse, „gerade, wenn man es unbedingt vermeiden wollte.“ Auch nach den christlichen Feiertagen kehrt oftmals noch keine Ruhe ein, denn während an Weihnachten Liebe und Harmonie erwartet werden, sei Silvester „gute Laune auf Knopfdruck“ angesagt.

Telefonseelsorge Berlin, Telefon: 0800 111 0 111 und Kirchliche Telefonseelsorge, Telefon 0800 111 0 222. Beide Angebote sind anonym und kostenlos.

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