Berlin : Harzreise mit Folgen

Andreas Conrad

Wandern? In solchen Schuhen? Dickes, steifes Leder, die zentimeterstarke Sohle zusätzlich mit Eisennägeln beschlagen, eine weitere Metallverstärkung vorne unter der Spitze. Vielleicht ein Pfund an Gewicht - pro Schuh! Hühneraugen waren garantiert.

Doch was ein echter Wandervogel war, der trug selbst solche Botten ohne Klage. Der Einzelschuh - der zweite ist in den wechselhaften Zeitläuften verschollen - ist der unscheinbare Mittelpunkt der kleinen Jubiläumsausstellung in der Schwartzschen Villa in Steglitz, Beitrag des bezirklichen Kunstamtes zu den Feiern zum 100. Gründungstag der Wandervogelbewegung: Am 4. November 1901 wurde im Ratskeller des alten Steglitzer Rathauses der Verein "Wandervogel - Auschuss für Schülerfahrten" gegründet.

Solch ein Termin ist für organisierte Rückschau immer gut, die Anfänge liegen aber, worauf auch die Wandervogel-Schau verweist, weit früher. Genaugenommen liegen sie nicht mal im heutigen Berlin, sondern in Magdeburg, wie sich der Ur-Wandervogel Hermann Hoffmann erinnerte. In einer langweiligen Deutschstunde war es, Untersekundaner Hoffmann langweilte sich mit anderen Pennälern über einem Lesebuchtext "Hoch das Wandern!" Doch da platzte dem guten Professor der Kragen und er hieb, ein Pauker mit Herz, mit der Faust auf den Tisch: "Jungens! Was seid ihr für Schlafmützen! ( ...) Als wir Jungen waren, da sparten wir unsere Groschen zusammen, und zu Pfingsten oder in den großen Ferien, da ging das Wandern los. Aber ihr? Ihr räkelt euch lieber ( ...) in irgend einer Sommerfrische herum!"

Ein Ruf wie Donnerhall. Schon in den nächsten Ferien wanderte Hoffmann mit seinem jüngeren Bruder und einem Klassenkameraden los Richtung Harz, weitere Reisen folgen. Die Erlebnisse der ersten Reise notierete der laufstarke Gymnasiast in einem Büchlein, das hatte Folgen. 1895 war er Student in Berlin, hatte seine Bude am Steglitzer Fichteberg, gab dort Schülern Gratis-Kurse in Stenografie. Eines Tages geriet das kleine Buch in die Hände seiner Schüler, die begeistert waren. "Das müssen Sie auch mit uns machen!", bestürmten sie ihn, und so geschah es. Reisen in den Harz, zum Kyffhäuser, zum Rhein, in den Böhmerwald folgten, mit Übernachtungen in Dorfgasthäusern und Scheunen, aber auch als Gäste der Einwohnerachaft kleiner Städte. Eine neue Jugendbewegung war geboren, zwar gegen das Erziehungskorsett des Wilhelminismus gerichtet, aber durchaus patriotisch und 1914 leicht empfänglich für den Ruf an die Waffen.

Anfangs noch ein lockerer Haufen, wurden die Wandervögel erst 1901 mit der Vereinsgründung eine - allerdings schon bald vielfach sich spaltende - Institution. Das Datum ist besonders mit dem Namen Karl Fischer verbunden, einem ehemaligen Schüler Hoffmanns, der Steglitz im Januar 1900 wieder verlassen hatte.

Die Ausstellung will und kann nicht die Wandervogelbewegung in allen Facetten abbilden. Vielmehr beschreibt sie ihr kulturhistorisches Umfeld vor dem 1. Weltkrieg, ihre Abgrenzung gegen die rigiden Regeln der damaligen Gesellschaft, ihre Verbindungen zu den Reformbewegungen dieser Zeit, die etwa mit dem Namen des Steglitzer Künstlers Fidus verbunden waren. Und nebenbei ist vielleicht ein sozialgeschichtlich sensationeller Fund geglückt, zu sehen auf einem Foto von 1911 und selbst unter den reformfreudigen Wandervögeln eine Rarität: ein Mädchen in Hosen!

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