Berlin : Hasslieder im Internet

Wie kommt der Antisemitismus in die Köpfe der Schüler? Pädagogen suchen nach Antworten

Susanne Vieth-Entus

Sie nennen sich „Endlöser“, „Faustrecht“ oder „Nordfront“ und sind für jeden Schüler zu haben: Die Musik von Neonazi-Gruppen ist ebenso im Internet herunterzuladen wie jede andere Form der antisemitischen und rassistischen Hetze, die speziell auf Jugendliche abzielt. Lehrer haben zunehmend Probleme, gegen diese Einflüsse anzukommen.

„Schon Zehn- und Elfjährige äußern sich explizit antisemitisch“, berichtet Sanem Kleff, die mit der Aktion „Schule ohne Rassismus“ vier große Veranstaltungen zum Thema „Antisemitismus“ organisiert hat. Hunderte Jugendliche meldeten sich zu Wort, so dass Kleff einen guten Überblick über die Argumentationsmuster gewinnen konnte.

Jetzt steht sie vor der Frage: „Wie kommt das in die Köpfe der Kinder?“ Ist es tatsächlich das Internet, passiert es am Küchentisch, spielen bestimmte Sender eine Rolle? All das will „Schule ohne Rassismus“ wissen und wirbt jetzt für ein Forschungsprojekt über die Ursachen des zunehmenden Antisemitismus.

Noch ist dafür kein Geldgeber gefunden. Kleff muss sich erst mal mit dem begnügen, was sie in den Schulen hört. Kürzlich war sie von einer Fachhochschule zu einem Projekttag geladen und traf dort auf erwachsene Schüler, die „offensichtlich“ darin geschult waren, antisemitisch zu argumentieren. Kleff vermutet, dass für die zum Teil identischen Argumentationsmuster die islamistischen Websites mitverantwortlich sind.

Auch Neonazis sind seit langem im Internet präsent. Nachdem ihnen kürzlich verboten wurde, bundesweit 250 000 CDs mit rechten Hetzliedern zu verteilen („Aktion Schulhof“), boten sie die Musik von Gruppen wie den „Endlösern“ zum Herunterladen auf ihren Web-Seiten an.

Wie gestern berichtet, hat der zunehmende Antisemitismus dazu geführt, dass Schulen nach neuen Konzepten bei der Holocaust-Erziehung suchen. Einigkeit herrscht darüber, dass man mit „Betroffenheitspädagogik“ wenig bewirkt, weil sie zum Überdruss führt.

„Die Schüler dürfen im Unterricht nicht nur davon hören, dass die Juden Opfer waren. Man muss ihnen mehr über die gesamte jüdische Geschichte erzählen“, schlägt Deidre Berger vom American Jewish Committee vor. Sie teilt die Ansicht von Pädagogen, wonach Zeitzeugen-Gespräche der bessere Ansatz sind.

Dies hat auch Armin Gutt festgestellt. Der Leiter der Mariendorfer Köhl-Oberschule hatte am Donnerstag eine 81-jährige gebürtige Berlinerin aus Israel zu Gast. Sie wurde von arabischen Schülern auf Israels Nahost-Politik angesprochen und berichtete, dass ihr Enkel gerade bei einem palästinensischen Attentat ums Leben gekommen ist. „Solche Gespräche sind wichtiger als bloßes Geschichtswissen“, sagt Gutt.

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