Berlin : Hasten statt Rasten

Am Kurfürstendamm können Flaneure bald nirgends einkehren: Wieder schließen zwei Lokale

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Dicht an dicht sitzen im Wellenstein am Kurfürstendamm die „Frühstückler“ – so nennt das Personal den sonntäglichen Ansturm. Nebenan im Reinhard’s sitzt man nicht ganz so gedrängt bei leiser Musik, aber auch hier wird mittags noch gefrühstückt – Paris, American, Fitness und Napoli heißen die Angebote. Auf 230 Plätzen kann man es sich in den beiden Lokalen gemütlich machen, im Sommer kommen draußen 220 Plätze dazu. Nicht mehr lange: Beide Restaurants müssen schließen.

Der Kölner Bankier Thomas Bscher erwarb das JugendstilHaus, in dem beide Lokale wirtschaften, von der Oberfinanzdirektion – dem Vernehmen nach für mehr als 11 Millionen Euro. Nun will er das Haus sanieren lassen. Dazu müsse es jedoch leer sein, meint Bscher. Neben den beiden Gastro-Betrieben müssen ein Architekturbüro und eine Boutique das Haus verlassen.

Damit wird es immer schwieriger, am Kurfürstendamm, mit dem Berlin weltweit wirbt, einen Platz zum Essen oder Trinken zu finden. Verschwunden sind die Möhring-Cafés; vom Kranzler blieb nur ein Rudiment. Die Übrigen sind heute beinahe Oasen – wie Reinhard’s und das Wellenstein. Bummelnde Touristen kehren hier ein zum Kaffee, Berliner kommen gezielt, und auch Prominente finden den Weg her.

„Ganz traurig wird es gastronomisch am Ku’damm“, so Wellenstein-Geschäftsführer Wolfgang Mescher. Die Berliner Kaffeehauskultur sei fast erloschen. „Unsere Gäste sind ein Spiegelbild der Gesellschaft. So gesehen ist der Ku’damm gesellschaftspolitisch zum Aussterben verurteilt.“

Ähnlich sieht das Reinhard’s-Geschäftsführer Thomas Weiand. „Überschrift: Schade“, sagt er, weil er nicht jammern will, dazu, dass er wohl schließen muss. Der neue Eigentümer habe sich zwar noch nicht bei ihm gemeldet, aber „dass es hier mal zu Ende geht, war ja schon lange bekannt.“ In Berlin fehle eine gesamtstädtische Planung. „Was wollen wir in der Stadt erreichen, was wollen wir Touristen zeigen“ – das sei nicht klar. Ein Stadtrat in Charlottenburg entscheide für seinen Bezirk, einer in Mitte für seinen – jeder anders. „Es geht gar nicht so um meinen Laden oder das Wellenstein nebenan“, sagt Weiand, „aber wenn wir schließen, geht wieder ein Stück Lebensqualität der Stadt verloren.“

Was nach der Schließung an der Ecke Kurfürstendamm und Schlüterstraße wird, ist offen. Das Eckhaus bildet mit dem benachbarten Haus Cumberland eine Einheit. Beide Häuser nutzte die Oberfinanzdirektion bis zu ihrem Auszug. Für das Haus Cumberland wird noch ein Käufer gesucht. Die Fundus-Gruppe war zuvor mit ihren Plänen gescheitert, aus dem Haus ein Luxushotel zu machen. Fundus wollte für das Haus 83 Millionen Euro zahlen und es komplett für viel Geld sanieren. Es fand sich aber kein Betreiber für die Herberge, und so stieg die Gruppe aus dem Projekt wieder aus.

Immobilienexperten halten die elf Millionen Euro für das Eckgebäude zu hoch. Acht Millionen Euro wären angemessen gewesen, heißt es. Die Oberfinanzdirektion habe es im Bieterverfahren aber geschafft, den Preis in die Höhe zu treiben. Beim Haus Cumberland ging dieser Versuch jedoch nicht auf. Das Gebäude steht nun leer. Statt Geld zu bringen, verschlingt es nun welches. hema/kt

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