Hatice Akyün : Das ist Liebe! Hundeliebe!

Tagesspiegel-Kolumnistin Hatice Akyün ist groß geworden mit Schafen und Ziegen, ihr Wellensittich lag eines Tages tot im Käfig. Um kläffende Tiere in Berlin machte sie einen großen Bogen - doch dann kam alles anders.

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Diesem Tier hat eindeutig einer die Ohren langgezogen, aber sonst ist er ja ganz: süß. Auch unsere Kolumnistin musste sich erst einmal an Hunde gewöhnen.
Diesem Tier hat eindeutig einer die Ohren langgezogen, aber sonst ist er ja ganz: süß. Auch unsere Kolumnistin musste sich erst...Symbolfoto: dpa

Ich habe Angst vor Hunden. Dabei ist es völlig irrelevant, ob sie einen Kopf größer sind als ich oder es beim Sprung gerade mal auf meine Füße schaffen. Zu meiner Angst kommt hinzu, dass ich Hunde nicht mag. Das allerdings darf ich nicht laut sagen, weil es in Berlin eine starke Hunde-Lobby gibt. Und die will nicht nur spielen.

Dabei kenne ich im Gegensatz zu meinen Metropolenmitbewohnern das Halten von Tieren aus Anatolien. Ich habe als Kind Schafe und Ziegen gehütet, es gab Hirtenhunde und Hühner waren noch kein Großstadt-Statussymbol. Man hat der Schöpfung Respekt entgegengebracht. Ob die Schöpfung wirklich gewollt hat, dass wir Menschen uns Hunde, Katzen, Meerschweinchen, Hamster und sonstiges Gevögel in die Etagenwohnung holen?

Hundegekläffe, so laut wie ein Heavy-Metal-Konzert

Worauf ich hinauswill ist, dass meine Nachbarin mich gefragt hat, ob ich auf ihren Hund aufpassen könne. Es ist mir ein absolutes Rätsel, wie sie dabei auf mich kommen konnte. Ich, die immer einen großen Bogen um dieses Wollknäuel macht. Der schafft es nicht einmal, die Treppen alleine hochzukommen, dafür kriegt er aber eine Geräuschkulisse hin, als hätte er ein Heavy-Metal-Konzert verschluckt. Ich habe dennoch zugestimmt, denn was kann der arme Hund dafür, dass ich Hunde nicht mag. Wir näherten uns ganz vorsichtig an.

Tagesspiegel-Kolumnistin Hatice Akyün - hier im Gespräch mit Gerd Appenzeller, Berater der Chefredaktion - lebt in Berlin.
Tagesspiegel-Kolumnistin Hatice Akyün - hier im Gespräch mit Gerd Appenzeller, Berater der Chefredaktion - lebt in Berlin.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Beim dritten Gassi-Gang fiel mir eine Studie ein, die ich einmal gelesen hatte. Darin stand, dass die meisten der Befragten der Überzeugung seien, dass Tiere für Singles, Alte und Kinder wichtig wären. Hamster, Katze, Wellensittich und Hund würden den Besitzern das Gefühl geben, gebraucht zu werden. Da dachte ich an eine alte Freundin mit ihren zwei Katzen. Als sie einmal im Urlaub war, versorgte ich diese Kratzbürsten mit Futter. Mehr musste man sowieso nicht tun. Sobald ich die Dose mit dem Futter in der Hand hielt, sprangen sie mich gierig an und bissen mich. Deshalb schloss ich sie zuerst im Schlafzimmer ein, bevor ich die Fressnäpfe füllte. Die Liebe zwischen meiner Freundin und ihren Katzen erschloss sich mir nicht ganz. Sie war einseitig und beruhte seitens der Katzen darauf, den Nahrungstrieb zu befriedigen. Aber vorsichtshalber habe ich das meiner Freundin nicht gesagt, weil ich die Beziehung zwischen Frau und Katze nicht zerstören wollte.

Ich hatte mal einen Wellensittich. Dann lag er tot im Käfig

Als Kind hatte ich einen Wellensittich. Er fiel nicht weiter auf. Auch, weil die Akyüns mit Mutter, Vater, sechs Kindern, Oma und Opa die Geräuschkulisse des Vogelparks Walsrode hätten unterdrücken können. Eines Tages lag er tot im Käfig. Wir Kinder beerdigten ihn im Garten neben den Zucchinis und Strauchtomaten meiner Mutter. Meine Zuneigung zu Tieren war beendet. Nun befürchte ich allerdings, dass der Hund meiner Nachbarin wieder etwas Liebe in mir entfacht hat. Nach unserem gemeinsam verbrachten Tag schauen wir uns ganz anders an, wenn wir uns im Hausflur begegnen. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass er mich jetzt nicht mehr gleichgültig, sondern triumphierend anschaut. Wie ein Mann, dessen Liebe endlich von der Angebeteten erhört wurde. Oder wie mein Vater sagen würde: „Köpeÿin duasi kabul olsa, gökten kemik yaÿar.“ Würden die Gebete des Hundes erhört, schneite es Knochen vom Himmel.

Hatice Akyün ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause. An dieser Stelle schreibt sie im Tagesspiegel über ihre Heimat.

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