Hatun und Can Frauennothilfe : Anwalt prüft Klage gegen Alice Schwarzer

Der wegen Betrugsverdacht verhaftete Chef der Berliner Frauennothilfe "Hatun und Can" wehrt sich. Sein Anwalt erwägt nun, gegen Alice Schwarzer eine Strafanzeige wegen versuchter Erpressung zu stellen.

von

Im Fall des wegen Betrugsverdachts verhafteten Vereinschefs der „Hatun und Can Frauennothilfe“ hat dessen Anwalt Hubert Dreyling angekündigt, mit harten Bandagen zu kämpfen. Er sprach am Freitag gegenüber dem Tagesspiegel von „chaotisch geführten Akten und juristischen Amokläufen“ der Staatsanwaltschaft und von „juristischem Quatsch“ des richterlichen Beschlusses, Haftbefehl zu veranlassen. Dreyling prüft nach eigenen Angaben, Strafanzeige wegen versuchter Erpressung gegen die Frauenrechtlerin und „Emma“-Chefredakteurin Alice Schwarzer zu stellen.

Die Journalistin hatte, wie berichtet, die seit Dezember laufenden Ermittlungen in Gang gebracht. Anlass war der Streit um 500 000 Euro, die Schwarzer dem Verein gespendet, aber nach Bedenken zurückgefordert hatte. Das Geld hatte sie zuvor in der RTL-Sendung „Wer wird Millionär“ gewonnen. Schwarzer, die Frauenrechtlerin Necla Kelek und RTL stellten Strafanzeigen, als der Verein das Geld nicht herausrückte. Es folgten Wohnungsdurchsuchungen, die Spendengelder wurden eingefroren und Udo D. alias Andreas Becker verhaftet. Die Staatsanwaltschaft hält ihm vor, einen 60 000 Euro teuren BMW für den Verein ausschließlich privat genutzt zu haben, die Wohnung seiner Lebensgefährtin mit Spendengeldern renoviert zu haben sowie eine teure Uhr und eine Luxusreise aus Spenden finanziert zu haben.

Anwalt Dreyling wirft der Staatsanwaltschaft vor, sie berufe sich auf die Aussage eines Zeugen, der ein „krimineller Lügner“ sei. Der Mann habe Udo D., der selbst keinen Führerschein habe, mehrfach chauffiert. Man habe sich vom „Neuköllner Kiez“ gekannt. Und für die besagte Luxusreise habe er Quittungen über eine Rechnung von 100 Euro für ein Doppelzimmer pro Nacht. Udo D. sei dorthin geflogen, weil er ein Pärchen betreut habe. Bei der Uhr handele es sich um ein 350 Euro teures Exemplar von Armani. Dreyling beschreibt seinen Mandanten als zum Teil „treudoof und hilflos“. Er wirft Schwarzer vor, seinen Mandanten bei einem Gespräch, in dem sie die Hälfte der Spende zurückforderte, unter Druck gesetzt zu haben. Schwarzer war am Freitag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Silke Becker, Sprecherin der Staatsanwaltschaft, sagte zu Dreylings Vorwürfen: „Auch Anwälte haben ein Recht auf ihre Meinung.“ Das Landgericht werde über die eingelegte Haftbeschwerde „zeitnah“ entscheiden.

Frauenrechtlerin Necla Kelek war früher passives Vereinsmitglied und zahlte dafür monatlich 25 Euro. Sie war bei dem Gespräch zwischen Schwarzer und D. dabei. Er habe auf alle Fragen, was mit Spenden passiere, „abwehrend“ reagiert, sagte sie dem Tagesspiegel. Als sie eine Mitgliederversammlung einforderte, sei ihr im Dezember schriftlich mitgeteilt worden, sie sei kein Vereinsmitglied mehr.

Andere, die mit Udo D. telefonischen Kontakt hatten wie die frühere Ausländerbeauftragte Barbara John, sagen, sein Bestehen auf Anonymität sei nachvollziehbar gewesen. „Er schien wie ein kleiner Retter von Frauen in Not“, sagte John. Nach dem Mord an Hatun Sürücü sei das Angebot von D., niedrigschwellige Hilfe anzubieten, plausibel gewesen. Dennoch sei bei ihr eine „verhaltene Skepsis“ geblieben. Und warum ein Verein ein 60 000 Euro teures Auto braucht, sei für sie nicht zu erklären. Bisher ließ sich kein Vereinsmitglied – es sollen zehn Personen sein – auf Anfrage vom Tagesspiegel sprechen. Sabine Beikler

0 Kommentare

Neuester Kommentar