Berlin : Hauptbahnhof-Architekt macht Friedensangebot

Rückbau der Flachdecke, Verlängerung des Glasdaches: Meinhard von Gerkan sucht im Streit mit der Bahn eine gütliche Einigung

Bernhard Schulz

„Bislang hat es noch keine Friedenstaube von der Bahnseite gegeben“, bedauert Meinhard von Gerkan. Der Architekt – gemeinsam mit Volkwin Marg Prinzipal des größten deutschen Architekturbüros, gmp – freut sich über seinen Sieg im Rechtsstreit um das Urheberrecht am neuen Berliner Hauptbahnhof, will aber mit der Bahn zu einem zügigen Kompromiss finden. Da Bahn-Chef Hartmut Mehdorn auf das Urteil verärgert reagierte und den Gang durch alle Instanzen ankündigte, scheint eine vernünftige Lösung derzeit außer Sicht.

Immerhin „drei Jahre Baustelle“ drohte Mehdorn an, sollte das Urteil des Landgerichts vom 28. November zugunsten des Architekten Rechtskraft erlangen. Von Gerkan hatte gegen die Bahn geklagt, weil sie sein Urheberrecht am Entwurf des Hauptbahnhofs durch den Einbau einer simplen Flachdecke verletzt hatte. Ursprünglich vorgesehen war eine Gewölbekonstruktion, die im Rohbau auch ausgeführt worden ist – wie man den Broschüren zum werdenden Bahnhof entnehmen kann, die die Bahn vor Jahren stolz verteilte.

Nach dem Rechtsstreit – den Mehdorn nunmehr durch den Gang in die Berufung verlängern will – versucht von Gerkan jetzt, zu einem Kompromiss zu finden. „Es geht nicht um einen Streit um des Streites willen“, erklärte er dem Tagesspiegel, „sondern darum, bei einem so bedeutenden Bauwerk das Beste daraus zu machen, was man jetzt noch machen kann.“ Die Behauptung der Bahn, der Umbau würde drei Jahre lang den Bahnverkehr behindern, nennt von Gerkan ein „Schreckensszenario“. Er gibt die Kosten des Rückbaus der Flachdecke mit „unter 20 Millionen Euro“ an und versichert, dass die Baumaßnahmen ohne Störung des Bahnbetriebs durchführbar seien.

Zur Verkürzung des Glasdaches von geplanten 430 auf tatsächliche 321 Meter äußert sich von Gerkan mit neuer Zuversicht. Er hält es „für dringend geboten“, die Glashülle auf ihre geplante Länge zu bringen, und zwar aus drei Gründen. Zum einen seien allerorten Bahnhöfe durch Dachergänzungen auf die für einen Doppel-ICE erforderliche Mindestlänge von 420 Metern gebracht worden, so in Hamburg, der Heimatstadt des Architekten. Zum Zweiten sei die Glashülle als Schallschutz für die anliegenden Grundstücke unverzichtbar, die durch die derzeitige Lärmbelastung einen erheblichen Wertverlust erlitten hätten. Derzeit dürfe dort nicht einmal Wohnungsbau stattfinden, wie es vom früheren Senatsbaudirektor Hans Stimmann geplant worden war. Die Bahn-Tochter Vivico bemüht sich derzeit um die Vermarktung der Grundstücke. Erst an dritter Stelle nennt von Gerkan das ästhetische Argument: Die Proportionen des Gebäudes stimmten nicht mehr. Das Gebäude, so der Architekt, solle stattdessen so vollendet werden, „wie es als Gesamtwerk geplant“ worden sei.

Zur Frage der Dachverkürzung ist Bahnchef Mehdorn am 17. Januar vor den Haushaltsausschuss des Bundestages geladen worden. Er soll darlegen, warum das verkürzte Dach tatsächlich und entgegen früheren Behauptungen teurer geworden ist, als das längere Dach gekostet hätte. Ferner ist die Frage aufgetaucht, ob die bereits gelieferten Teile für das vollständige Dach bereits bezahlt worden sind oder nicht. Auch darüber gibt es unterschiedliche Behauptungen.

Die Bundestagshaushälter sehen sich das selbstherrliche Treiben der Bahn mittlerweile sehr genau an. Einen jahrelangen Rechtsstreit um das Urheberrecht des Architekten, wie von Mehdorn angedroht, werden sie kaum als vernünftige Lösung akzeptieren. Ein Kompromiss muss her, allein schon um das Image der Bahn vor nachhaltigem Schaden zu bewahren. Immerhin hat Mehdorn den Börsengang des Unternehmens zu seinem Ziel erkoren – und die Haushälter werden über die zu erwartenden Einnahmen aus dem Aktienverkauf mit Argusaugen wachen.

Ein realistischer Kompromiss, um die Streithähne zu befrieden, könnte darin bestehen, das nunmehr urheberrechtlich anerkannte Gewölbe auf der Zwischenebene herzustellen, die von den meisten Fahrgästen, aber auch von der Kundschaft der beidseitig angeordneten Geschäfte gesehen wird. Zugleich aber müsste das für das Erscheinungsbild des Bauwerks entscheidende Glasdach mit seinen bereits vorhandenen Bauteilen auf die volle Länge gebracht werden. Die Decke in der untersten Ebene, der Bahnsteigebene des Tunnelbahnhofs, könnte zur Not in der jetzigen Form belassen werden. So würden sich bei einem Umbau auch die Störungen des Bahnbetriebs minimieren. Im Übrigen kann jeder Bahnhofsbesucher beobachten, dass die acht Gleise im Untergeschoss bei weitem nicht ausgelastet sind, eine fallweise Verlegung der Züge während des Rückbaus also problemlos möglich wäre.

Derzeit herrscht bei der Bahn allerdings Schweigen. Architekt Meinhard von Gerkan hingegen lässt seine Friedenstaube bereits in die Lüfte steigen.

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