• Hauptsache, das Opfer fühlt sich klein Bei Überfällen wollen die Täter oft Frust ablassen

Berlin : Hauptsache, das Opfer fühlt sich klein Bei Überfällen wollen die Täter oft Frust ablassen

Tanja Buntrock

Das Spezialeinsatzkommando (SEK) der Polizei hat am Dienstag einen 20-jährigen Tatverdächtigen in einer Hellersdorfer Wohnung festgenommen, der seine Opfer in außergewöhnlicher Weise bedroht und erniedrigt haben soll. Der Mann ist der Polizei bereits wegen Rohheitsdelikten bekannt. Seit längerem beobachten Ermittler eine Tendenz, dass es jungen Tätern weniger um die Beute geht als darum, ihre Opfer zu erniedrigen.

In der Nacht zu Montag sind, wie berichtet, zwei 17 und 19 Jahre junge Männer und eine 21-jährige Frau von einem Mann in der Heidenauer Straße mit einer Pistole bedroht worden. Der Täter verlangte Geld. Doch die Opfer hatten keines dabei. Daraufhin demütigte er die drei: Er zwang die Jungen auszuziehen, die Kleidung zu verbrennen und um das Feuer zu tanzen. Die 21-Jährige musste ihre Schuhe in die Flammen werfen. Schließlich befahl der Täter den Jungen, die Windschutzscheibe zweier Autos einzutreten und flüchtete. Offenbar derselbe Täter versuchte dann nur wenig später in der Nossener Straße, ebenfalls in Hellersdorf, eine 28-Jährige zu berauben. Als die Frau schrie, schlug er sie zweimal mit der Waffe und verschwand.

Die Polizei sieht das Geschehen in Hellersdorf „als sehr skurrilen Fall“ an, sagt Kriminaldirektor Winfried Roll, Leiter der Prävention beim Landeskriminalamt. Dennoch sei die Tendenz schon länger zu beobachten, dass sich gerade jugendliche Täter nicht an der Beute bereichern wollen, sondern es ihnen darum gehe, Macht auszuüben, sagt Roll. Gesicherte Zahlen zu solchen Vorfällen gibt es jedoch nicht.

Die Ursachen für diese Tendenz sind vielfältig. In der Regel gehe es den Tätern darum, ihre eigenen Versagensängste an anderen auszulassen, sagt Martina Linke von der zentralen Stelle für Opferschutz beim Landeskriminalamt (LKA). Es sei eine Art Bewältigungsstrategie der Täter: „Sie übertragen so ihre eigenen Frustrationen in der Familie, in der Schule oder im Beruf auf die Opfer.“

Keiner wolle sich als Versager sehen, „jeder will der Macher sein“, sagt Frau Linke. Deshalb sei „Du Opfer!“ heutzutage eine gängige Beleidigung unter Schülern. Viele der Täter erlebten selbst Demütigungen und Erniedrigungen. Martina Linke erinnert sich an einen Fall, bei dem ein Zwölfjähriger seine Opfer mit einer Waffe überfallen hat. Sie mussten sie ihm die Schuhe ablecken. „Bei den Ermittlungen kam heraus, dass der Junge zu Hause genauso gedemütigt wurde. Er musste immer seinem Vater die Schuhe zur Strafe ablecken, wenn er ungezogen war“, sagt Linke. Auch kriminelle Mädchen und junge Frauen seien „sehr kreativ, wenn es um Erniedrigung geht“, sagt Roll. Meist handelten sie aus einer Gruppe heraus. „Da werden den Opfern die Haare abgeschnitten oder Zigaretten auf der Haut ausgedrückt.“

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