Berlin : Hauptschule – Restschule?

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Von Annette Kögel

Blut auf dem Boden. Die dunkelroten Kleckse führen von der Toilette über den Flur bis ins Sekretariat. Da sitzt Zeynin, den Kopf zwischen den Händen, und aus der Platzwunde am Kopf quillt Blut. Pubertäres Gerangel, Wasserbomben und Mülleimer sind geflogen. Es ist nichts Ernsthaftes passiert, zum Glück, aber doch wieder einmal Aufregung, die Feuerwehr im Haus. Hauptschul-Alltag. „Das hätte auch anders ausgehen können“, sagt Franziska Roeder, 16, Zeynins Mitschülerin aus der Klasse 10.2.

Hauptschule, Restschule. Weniger als zehn Prozent aller jungen Berliner besuchen noch jenen Schultyp, den das Saarland längst abgeschafft hat. Derzeit sind es 15 000, darunter 4000 mit ausländischem Pass. Nur ein Viertel von ihnen schafft überhaupt einen Abschluss. An der Hauptschule treffen sich all jene wieder, die schon in der Grundschule überfordert waren, von Eltern und Lehrern links liegen gelassen wurden.

280 Schüler gehen auf die Waldenburg-Schule in der Otzenstraße, rund die Hälfte sind „nichtdeutscher Herkunftssprache“, so drückt das Rektor Ralf Schiweck aus. „Ausländische Familien leben manchmal schon seit zwanzig Jahren hier, aber sprechen kein Wort Deutsch.“ Allzuoft gibt es die klassischen sozialen Koordinaten im Elternhaus: Scheidung, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus. Franziska beispielsweise liebt ihre Mutter „über alles“ – ihren Vater hat sie erst vor drei Jahren kennen gelernt. In ihrer Klasse ist sie das einzige deutsche Mädchen. „Das nervt manchmal total, die Jungs sagen immer Schlampe zu mir, nur weil sie denken, dass Deutsche gleich mit jedem ins Bett gehen.“ Aber die Mädels aus der 10.2 wissen sich zu helfen, wenn einer frech wird. „Du Bastard, halt die Fresse“, brüllt eine Mitschülerin von Franziska durch den Raum.

Woanders wird mit noch härteren Bandagen gekämpft. „Verfickter Bastard! Wenn Sie ein Auto haben, können Sie sich auf was gefasst machen“, schleuderte ein Spandauer Hauptschüler jüngst seinem Vertrauenslehrer an den Kopf. „Nächstes Mal sind Sie dran“ – mit diesem Spruch konfrontierte ein anderer seinen Lehrer – kurz nach Erfurt. Karla Werketin, Leiterin der Weißenseer Heinz-Brandt-Hauptschule, hat Schülern schon Messer abgenommen. „An der Hauptschule leben die Jugendlichen so ein bisschen nach dem Motto: Ist der Ruf erst ruiniert . . .“, klagt Waldenburg-Leiter Schiweck: Weiter nach unten verweisen geht nicht.

In Franziskas Klasse steht jetzt Alltagsbewältigung auf dem Stundenplan. Referandar Dirk Otto, 34, nimmt Berlin durch: Wie komme ich von A nach B, wie lange braucht ein U-Bahn-Zug für eine Station? „Man wundert sich, was die Schüler alles nicht können“, sagt Otto, „manche brauchen für eine Wegstrecke ewig, weil sie Schwierigkeiten haben mit der Orientierung.“ In der Hauptschule müsse man „die Unitheorie runterbrechen auf die Realität“. Selbst das Buchstabieren fällt einigen schwer. Aber Handynummern beten sie auswendig daher. So was frustriert Lehrer – und auch die Toleranzschwelle der Schüler sinkt. Referendar Dirk Otto gibt zu, dass er sich „in manche Klassen nur noch zu zweit“ hereintraue.

Pädagogen im Doppelpack als letztes Mittel: Das haben Berlins Hauptschullehrer gerade gefordert. Ein Konzept, mit dem die Waldenburg-Schule bereits Erfahrungen gesammelt hat, vor allem in den Integrationsklassen mit schwer verhaltensauffälligen und lernbehinderte Kindern. „Man kann dann viel besser auf die Schüler eingehen“, weiß Karsten Burmeister, Klassenlehrer der 10.2. Bei den Schülern selbst findet der Vorstoß ein geteiltes Echo: „Wäre gut, wenn der Einzelne besser betreut wird“, findet Franziska. Ein Mitschüler sieht das anders: „Wenn einer keine Lust hat mitzumachen, dann können die da fünf, sechs Lehrer vorne hinstellen.“ Kein Wunder, dass auch an der Schöneberger Hauptschule Lehrer über „Burn Out“-Symptome klagen. Vier Pädagogen sind zur Zeit dauerkank.

Dabei hat sich die Waldenburg–Hauptschule bereits als Vorzeige-Hauptschule einen n gemacht; die 10.2 ist unter Gleichaltrigen als „Streberklasse“ verschrien. Kein Zehntklässler, der nicht schon mehrere Praktika absolviert hätte. Die Schule organisiert mehr Kooperationen mit Firmen, Verbundausbildern, freien Trägern und Bezirksverwaltungen als der Stundenplan Fächer hat. Das Potential sei schließlich vorhanden, sagt der Schulleiter, und wenn die Betriebe einen Schüler erst einmal persönlich kennen gelernt hätten, stellten sie ihn eher ein.

Doch es scheint alles nichts zu helfen. 55 Waldenburg-Jugendliche beenden in zwei Monaten die Schule, bislang haben erst sechs eine Lehrstelle. Den anderen bleibt nichts anderes übrig, als auf ein Oberstufenzentrum zu wechseln. Ein Lehrgang nach dem anderen, Hauptsache raus aus der Arbeitslosenstatistik. „Vor zehn Jahren war das noch anders“, erinnert sich Karin Giera, seit einem Vierteljahrhundert Hauptschul-Pädagogin. Damals blieben höchstens ein oder zwei aus einer Klasse auf der Strecke. Frau Giera fühlt mit ihren Schülern mit. „Ich kann das gar nicht ertragen, dass man ihnen ständig das Gefühl gibt, die Letzten zu sein.“ „Hauptschüler sind oft einfach nur toll: Gerade heraus, dankbar und ehrlich.“ Und Kunstlehrerin Jutta Hüttemann flirtet mit ihrer 10.2: „Wenn ihr geht, weine ich.“

Jemand, der sich wirklich kümmert – das erleben einige Schüler hier zum ersten Mal. „Frau Giera hat gerade für mich in der einen Firma angerufen, die keine Lehrstelle hatte“, sagt Franziska. Sie will Einzelhandelskauffrau werden, Bäckerin oder Nahrungsmittel-Fachkraft. Die Absagen trägt die Schülerin mit Fassung. Seit einem schweren Autounfall im vergangenen Jahr weiß sie, dass „ich mehr als einen Schutzengel habe“. Und: „Bei denen, die mich nicht nehmen, denke ich immer: Die wissen gar nicht, was sie an mir verpassen.“

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