Berlin : Hauptschulen: Von wegen "Restschule"

Susanne Vieth-Entus

Die opulenten Kristallleuchter im Schloss Bellevue strahlten gestern für ein Publikum, das üblicherweise eher im Schatten steht: Bundespräsident Johannes Rau übergab den Hauptschulpreis 2001, und aus ganz Deutschland waren die stolzen Sieger angereist. Überraschenderweise gehörte auch eine Berliner Schule zu den Preisträgern, obwohl sich von den über 50 hiesigen Hauptschulen nur zwei an dem Wettbewerb beteiligt hatten.

Mit einem jahrelangen unermüdlichen Engagement für ein besseres Schulleben überzeugte die Friedrichshainer Heinrich-Ferdinand-Eckert-Oberschule die sechsköpfige Jury. Da wurde etwa 1999 eine Schülerfirma gegründet, die die Schul-Cafeteria betreibt und mit Catering Geld verdient. Zwei Jahre zuvor hatte die Klasse 8d ihren Klassenraum tapeziert und mit riesigen Graffiti geschmückt, die 8c wiederbelebte einen alten Schulteich. Zwei Absolventen der 10. Klasse hatten im Juni 2000 ein kleines Schulmuseum hergerichtet. Und es kommt auch schon mal vor, dass Schüler im nahe gelegenen Seniorendomizil mit den alten Herrschaften das Tanzbein schwingen oder Kaffee trinken.

Das ist es, was die gemeinnützige Hertie-Stiftung und die Initiative Hauptschule der Arbeitgeberverbände auszeichnen wollen: Erziehung zur Eigenverantwortung, zu sozialem Verhalten. Darüberhinaus soll der Preis, der jetzt zum zweiten Mal vergeben wurde, aber auch ein Signal sein zugunsten einer Schulform, die immer wieder als "Restschule" tituliert wird und viele Jugendliche ohne Schulabschluss entlässt.

Josef Kraus wies als Präsident des Deutschen Lehrerverbandes allerdings auch darauf hin, das die Hauptschule längst nicht überall ein solches Randdasein führt wie in Berlin. Während hier nur rund sechs Prozent der Siebtklässler von vornherein diese Schulform wählen, sind es in anderen Bundesländern mehr als ein Drittel. Kein Wunder, dass unter den 90 Teilnehmern an dem Wettbewerb allein 60 aus Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen kamen. Den mit 15 000 Mark dotierten 1. Preis gewann denn auch eine bayerische Hauptschule, den 3. Preis (5000 Mark) trug eine nordrhein-westfälische Ganztagshauptschule nach Hause. Die Friedrichshainer bekamen 10 000 Mark. Alles in allem wurden 36 Preisträger mit Prämien im Gesamtwert von 120 000 Mark bedacht.

Bundespräsident Rau verwies auf die besondere Rolle, die Schulen spielen müssten, um den Zusammenhalt in der Gesellschaft zu fördern. Dieser Zusammenhalt lasse sich "weder von Parlamenten beschließen noch von Regierungen befehlen". Nun gelte es, von den Beispielen zu lernen, die die prämierten Schulen gegeben hätten. Und Rau mahnte, "dass wir zu wenig Geld für unsere Schulen ausgeben". Fromme Worte im Angesicht der Berliner Finanzkrise.

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