Hauptstadt-Boom : Berlin zieht an

Die Hauptstadt boomt zurzeit wie München und Hamburg, schwärmen Wirtschaftsexperten. 133 Unternehmen kamen im letzten Jahr in die Stadt, 6145 neue Arbeitsplätze entstanden. Das ist eine Rekordzahl. Die Voraussetzungen für neue Ansiedlungen sind denkbar günstig. Wer bietet mehr als Berlin?

Ulrich Zawatka-Gerlach

Berlin segelt nicht an der Krise vorbei. "Aber wenn es gut läuft, stagniert das Wirtschaftswachstum in der Hauptstadt, während es bundesweit um zwei, drei Prozent sinkt", sagt Christoph Lang, Sprecher der öffentlich-privaten Wirtschaftsförderungsgesellschaft Berlin Partner. Jüngste Ansiedlungserfolge - die Modemesse Bread and Butter oder der Suhrkamp-Verlag - machen Mut. Aber auch die gute Nachricht vom Wochenende, dass Berlins Bruttoinlandsprodukt 2008 überraschend um 1,6 Prozent zunahm. So viel wie in Bayern oder Hamburg, mehr als in Baden-Württemberg. Das ist ein ungewohnter Trend.

Reichtagskuppel
Besucher der Reichtagskuppel. -Foto: dpa

133 Unternehmen kamen im letzten Jahr in die Stadt. Das brachte 6145 neue Arbeitsplätze. Eine Rekordzahl. Dienstleister, Kreative, Medien und die Gesundheitswirtschaft standen oben auf der Liste. Aber auch die Solarbranche hat Berlin entdeckt. Durch Neuansiedlungen wurden seit 1998 über 41 000 hochwertige Arbeitsplätze geschaffen und einige Milliarden Euro investiert. Und das in der hoch verschuldeten, nach dem Mauerfall industriell entkernen "Hauptstadt von Hartz IV". Was macht den Charme des östlichsten Ballungsraums in Deutschland aus? Arm, aber sexy, lockt das Leute und Betriebe an?

 Die Ansiedlungsprofis haben ein genaueres Erklärungsmuster. "Berlin hat überdurchschnittlich viele sehr gut ausgebildete, mehrsprachige, multikulturelle Arbeitskräfte", sagt Lang. Kreative Köpfe, die von modernen Betrieben händeringend gesucht werden. Ein wertvolles Reservoir, über das nur wenige Wirtschaftsregionen verfügen und ein Ansiedlungsfaktor, dessen Bedeutung zunimmt. In Berlin werden solche Nachwuchsleute über den aktuellen Bedarf hinaus ausgebildet. Oder sie ziehen an die Spree. In seinem "Karriere-Atlas 2008" hat das Handelsblatt Berlin (nach München und Jena) immerhin auf Platz 3 gesetzt.

Niedrige Büro- und Wohnungsmieten sind ein Vorteil

Hilfreich für Unternehmensentscheidungen zugunsten Berlins sind außerdem die guten Verkehrsanbindungen - per Bahn und Auto, bis weit nach Mittel- und Osteuropa hinein. Wenn ein Unternehmer merkt, dass er alle Kunden innerhalb von zwei Reisestunden erreicht, kann das ausschlaggebend sein. Einen kräftigen Schub, da sind sich alle einig, wird die Eröffnung des Internationalen Großflughafens in Schönefeld (BBI) der Wirtschaftsentwicklung Berlins geben. Vor allem für die Ansiedlung internationaler Investoren. Noch kommen hauptsächlich deutsche Unternehmen.

Ein weiterer Grund für Ansiedlungserfolge sind niedrige Büro- und Wohnungsmieten, aber auch moderate Gehaltskosten für qualifiziertes Personal. "Also ein günstiges Preis-Leistungsverhältnis", sagt der Sprecher der Berlin Partner GmbH. Das gelte sogar im Vergleich zu vielen Städten östlich Berlins. Moskau ist eine der teuersten Metropolen Europas. Aber selbst Budapest oder Warschau liegen, was Mieten und Gehälter betrifft, inzwischen vor Berlin.

Ein zentraler Vorteil Berlins sind natürlich auch die sieben Universitäten, 20 privaten und öffentlichen Hochschulen und über 80 weitere Forschungseinrichtungen. Die enge Vernetzung von Wissenschaft und Wirtschaft wird jeden Tag wichtiger für den ökonomischen Erfolg.

In der Biotechnologie ist Berlin  führend

 Auch das Kongress- und Messegeschäft boomt in der deutschen Hauptstadt. Sogar Paris oder London müssen bangen, attraktive Großveranstaltungen dieser Branche nach Berlin zu verlieren. Und dann gibt es noch die weichen Standortfaktoren: Berlin, die grüne Stadt, in der es sich gut leben lässt. Berlin, die internationale, junge Stadt mit ihrer besonderen Musik- und Clubkultur in Prenzlauer Berg, Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte. Tolerant und liberal - nicht immer, aber doch meistens. Das zieht eine besondere Spezies an: Maler und Autoren, Designer und Modemacher, Filmproduzenten und Verleger. Das sind keine Großkonzerne mit tausenden Arbeitsplätzen, aber eines kommt zum anderen.

Das gilt auch für die kleine, aber feine Solarbranche, für die in Berlin etwa 4000 Menschen arbeiten. Die Tendenz: stark wachsend. Was ehemals graue Volkswirtschaftstheorie war, lässt sich jetzt zwischen Berlin-Buch und Adlershof besichtigen. Die sogenannten Cluster, also eng verwachsene Branchen der Zukunftsindustrie, um die alle Metropolen der Welt hart konkurrieren. Für Berlin haben die Fachleute, nach jahrelanger, teilweise hitziger und kontroverser Diskussion, folgende Zukunftsfelder ausgemacht: Die Kreativwirtschaft (Kommunikation, Medien, Kultur), die Gesundheitswirtschaft, Kommunikations- und Verkehrstechnologien. Die Politik ist diesen Ratschlägen gefolgt, der Senat konzentriert seine Ansiedlungsbemühungen mit Erfolg auf diese Felder moderner Ökonomie.

In der Biotechnologie und Medizintechnik gehört Berlin längst zu den führenden Standorten in Deutschland. Dafür stehen zum Beispiel Berlin-Buch und die Charité. Und neben Hamburg, Köln und München ist Berlin zu einer bedeutenden Medienstadt herangewachsen. Die Kraftfahrzeug- und Bahnsystemtechnik, elektronische Verkehrsleitsysteme und die Luft- und Raumfahrt sind auf gutem Weg. Diese Einschätzung vertrat die Deutsche Bank schon 2005 in einer umfangreichen Untersuchung. Die aktuelle Wirklichkeit hat die damalige Prognose bestätigt.

Genügend Platz für Ansiedlungen ist vorhanden

 Im nationalen und internationalen Wettbewerb hat Berlin noch einen Vorteil, den man nicht unterschätzen sollte: Es ist genügend Platz für Ansiedlungen da. Im Südosten der Stadt zieht sich zum Beispiel ein Band gewerblicher Zentren von der Stadtgrenze, fast fußläufig zum Flughafen BBI bis hoch nach Neukölln. Dazu gehören die "Wissenschaftsstadt" Adlershof, der Technologiepark Wuhlheide, die Rummelsburger Bucht und das Areal am Teltowkanal (Süd). im Nordosten blüht Berlin-Buch, aber auch in Heinersdorf oder Wilhelmsruh ist Raum für Niederlassungen. In der westlichen Innenstadt haben sich mit dem ehemaligen Flughafen Tempelhof ganz neue Perspektiven für ansiedlungswillige Investoren eröffnet. Am östlichen City-Rand finden sich an der Köpenicker und Warschauer Straße sowie am Ostkreuz brachliegende Potenziale. Es gibt aber auch Gewerbeflächen, die schlecht angenommen werden, etwa in Bezirken wie Spandau.

Die Erfolge der näheren Vergangenheit und der Gegenwart sind auch keine Selbstläufer. Das höchst umstrittene Projekt Mediaspree in Friedrichshain-Kreuzberg zeigt beispielsweise, dass nicht alles Planbare machbar ist, und dass die Bewohner von ihrem städtischen Lebensraum mehr erwarten als das Wachstum des Bruttoinlandprodukts. Manchmal gibt es auch Zielkonflikte um heiß begehrten Gewerberaum, so wie jetzt in Tempelhof. Und es wäre ein schöner Traum zu glauben, die Wirtschaftsregion Berlin-Brandenburg sei so eng zusammengewachsen, dass es zwischen beiden Ländern keine Konkurrenz mehr gebe.

Es war auch ein mühsames Geschäft, bis die Wirtschaftsförderung des Senats so relativ effektiv arbeitet wie jetzt. Berlin Partner, Zentrale Anlaufstelle für Unternehmen, bezirkliche Wirtschaftsförderung, Hotline für Existenzgründer, Online-Datenbanken, Investitionsbank Berlin, Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke), Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer, Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Alle kümmern sich, mal mehr, mal weniger organisiert, um das Wohl der Wirtschaft und der Stadt. Nicht zu vergesen die Berlin-Marketing-Kampagneros ("be Berlin"). Nicht selten hat sich aber gezeigt, dass eine Politik der stillen Diplomatie bei der Ansiedlung von Investoren die beste Wirkung zeigte.

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