Hauptstadt-Chic : Berlin, zieh dir bitte etwas an!

Wenn der Sommer kommt, fliehen die Kleider - und mit ihnen die Stilsicherheit der Berliner, meint unsere Autorin. Warum nimmt Berlin sich nicht ein Beispiel an Paris, Rom oder Madrid?

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Kurz, kürzer, ohne Stil?
Kurz, kürzer, ohne Stil?Foto: dpa

Ein immer wiederkehrender Satz, den ich seit meiner Kindheit am ersten heißen Tag des Jahres zu hören bekomme, ist, „dir, als Türkin, dürfte die Hitze doch nichts ausmachen“. Klar, die Türkin in mir hat ja auch eine genetische Klimaanlage in sich, hitzebeständig und schweißabweisend.

Hauptsache nackte Haut zeigen

Aber mal im Ernst, wie ist der Drang zu erklären, dass sich meine deutschen Landsleute auf der Stelle entkleiden müssen, sobald die Temperaturen über 20 Grad steigen? Ist das ein Berliner Phänomen, oder bilde ich mir das nur ein? Sind es bei Männern die viel zu kurzen Hosen und – man mag es kaum mehr erwähnen – die Socken in Sandalen, bevorzugen Frauen viel zu kurze Röcke, viel zu enge Shirts und Flip-Flops, aus denen der Rest splitternder Nagellack der österlichen Wellnesstage herauslugt. Hauptsache bequem, Hauptsache Buntwäsche 40 Grad und dazwischen jede Menge Fleisch, das sich herauswölbt.

Paris, Rom oder Madrid - ein Vorbild für Berlin

In Berlin kann man getrost jede modische Epoche seit der Luftbrücke auftragen. Muskelshirts quer gestreift, Leinen im Knitterlook, die Jeansjacke gleich dreimal um die Hüfte geknotet und die Unterwäsche, deren sichtbares Label aus der Herrenhose heraus selbstbewusst die Umwelt erkundet oder in der Komplementärfarbe unter dem Kleid kontrastiert. Beliebt ist auch das Kleidungsstück zersägte Frau, die nach Facharztgebieten geordnet den Körper parzelliert.

Als ich in der Pubertät ein paar ordentliche Kilos zulegte, gab mir meine Mutter den Ratschlag, die Kleidung meiner Figur anzupassen, nicht umgekehrt. Warum, erschließt sich mir nun auf den Straßen Berlins. Ich verrate Ihnen etwas, weil ich ahne, wie Sie mich böse anschauen.

Gehen Sie nach Paris, Rom oder Madrid, die Menschen dort sind keinen Deut schöner, schlanker, geschweige denn vermögender. Aber sie sind sich selbst etwas wert. Auch, wenn sie nichts haben, haben sie doch Selbstachtung. Und so kann eine beleibte Französin, eine zu kurz geratene Spanierin oder eine vom Schicksal gebeutelte Römerin nie so lustlos übergezogen aussehen, weil sie dem Leben eine Chance geben, der man nicht unpassend gekleidet begegnen möchte. Selbst die Männer stehen unter Beobachtung und achten darauf, appetitlich auszusehen.

Endlich ist der Sommer da!
Diese Berlin-Touristen haben es sich schon gestern auf einem an ihr Mietfahrrad montierten Bett im Tierpark gemütlich gemacht - der Sommer ist jetzt ja hoffentlich hier um zu bleiben. Haben auch Sie den Sommer in Berlin fotografiert, liebe Leserinnen und Leser? Senden Sie uns Ihre Fotos an leserbilder@tagesspiegel.de!Weitere Bilder anzeigen
1 von 22Foto: Reuters
19.06.2013 10:19Diese Berlin-Touristen haben es sich schon gestern auf einem an ihr Mietfahrrad montierten Bett im Tierpark gemütlich gemacht -...

Der Frühsommer in Berlin beginnt genau dann, wenn zur gewohnten Geruchskulisse in der BVG der Duft „Sonnenschutzcreme“ hinzukommt, während aber die Verwendung von Deo von der Liste gestrichen wird. Gäbe es nicht diese jungen, quirligen Frauen, die man gemeinhin auch Mitte-Schnitten nennt, die aussehen, als ob sie gerade aus der Vorabendendlotterie geplumpst sind, und diese vielen Zugereisten aus anderen Regionen, die sich noch nicht assimiliert haben, würde das Berliner Autokennzeichen „B“ per Bundesratsinitiative um die Buchstaben „ÄH“ ergänzt.

Stilsicherheit? Fehlanzeige!

Sie glauben mir nicht? Tun Sie mir den Gefallen und schauen Sie sich einmal bewusst um. Wen würden Sie mitnehmen als Einkaufsberater zum Shoppen? Wenn Sie in einer Stunde mehr als eine Person treffen, der Sie das stilsicher zutrauen, sagen Sie es mir. Dann leiste ich sofort Abbitte.

Zum Glück folgt jedem Hoch ein Tief. Das Tief „Zeynep“ hat ein wenig Abkühlung verschafft. Und das ist für mich wirklich ein Grund zur Freude. Meine türkischen Landsleute und ich sind nun endgültig in Deutschland angekommen. Wir haben uns in das Lieblingsthema der Deutschen integriert – das Wetter. Das nächste Hoch muss nicht gleich Lagerfeld oder Armani heißen, aber ein bisschen mehr Stil täte den Berliner Straßen ganz gut.

Oder wie mein Vater sagen würde: „Güzellik ondur, dokuzu dondur.“ Gibst du der Schönheit eine Zehn, sind neun davon die Kleidung.

Hatice Akyün ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause.

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