Berlin : Hauptstadt der Mythen

Bonn war niemals deutsche Hauptstadt, aber was, bitte, ist Berlin? Eine Polemik von Michael Naumann

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Bonn war noch nicht einmal ein Provisorium. Es lag einfach am Rhein, etwas südlich vom heiligen Köln, im Sommer im schwülen Dunst, im Winter verregnet, die Hügel im Südwesten und Osten gesprenkelt von Einfamilienhäusern, knapp am Spießertum vorbeischrammenden Villen pensionierter Staatssekretäre und Botschafter, zusammengehalten von einer mythischen Wirtin und der Hoffnung aller dort Ansässigen, dass alles so bleiben möge, wie es eigentlich nicht war.

Schulklassen kamen zwecks politischer Bildung, staunten und gingen, ein neues, reizendes Parlamentsgebäude entstand, am Kiosk in der Nähe kauften bedeutende Politiker die „Bild“Zeitung. Es war genau so, wie man sich Bern vorstellt, die Hauptstadt der Schweiz. Viel ist geschrieben worden über die Glasglocke, die zweite Wirklichkeit, das Raumschiff Bonn. Den Bürgern schien alles schnuppe. Die Taxifahrer mochten die Abgeordneten nicht, die mit Bons und trinkgeldlos bezahlten, die Obdachlosen, die im Bahnhofstunnel lebten, („Sind die immer noch da?“, fragte einmal ein Bonner Oberbürgermeister) mochten niemanden. Einmal, als sich fast 500000 Studenten und Lehrer, Pazifisten und Grüne im Garten der Universität Bonn trafen, um gegen die Nachrüstung zu demonstrieren, dieses eine Mal nur wirkte Bonn wirklich wie eine politische Metropole. Es war ein Festtag für die Bundesbahn und eine Katastrophe für die Stadtreinigung. Doch auch dieser Moment entschwand, wie am Ende das gesamte politische Milieu.

Gespenstisch wirkt heute ein Blick in das Protokoll der Hauptstadtdebatte nach der Wiedervereinigung. Die Vorstellung, das Schicksal der kleinen Stadt wäre immer noch verbunden mit der Repräsentation Deutschlands – sei sie politisch-parlamentarisch oder kulturell-symbolisch –, wirkt absurd. Und doch: Das viel geschmähte Bundeskanzleramt war im Büro-Alltag recht praktisch, der Park hinter ihm mit seinen prachtvollen alten Bäumen zählte zu den schönsten der Republik. Dass deutsche Finanzbeamte Helmut Kohl noch einen „geldwerten Vorteil“ bei der Gehaltsbesteuerung berechnen wollten für die Nutzung desselben (oder doch zumindest für den Blick über seine Rabatten) – das gehörte ganz einfach zum abgrundtiefen Kleinbürgertum des beamteten Rheinlands, von dem es hieß, dass es mit dem Umzug der Regierung nach Berlin verschwinden würde.

Das war ein Irrtum. Mindestens die Hälfte der Bundesbeamtenschaft, allen Bekenntnissen zu Berlin zum Trotz, blieb in Bonn. Warum auch nicht? In der Verfallszeit des Imperium Romanum hielten sich einige römische Kaiser jahrelang in Trier statt in Rom auf. Und das lag ganz in der Nähe von Bonn. Dass die Verfallszeit der Bundesrepublik mit der Abwahl von Helmut Kohl begonnen habe, war die feste Überzeugung einer nach 16-jähriger christdemokratischer Machtentfaltung unionstreu gewordenen Beamtenschaft. Gewiss, es gab noch ein paar „Betriebsgruppen“ der SPD (die nannten sich wirklich so!) in den Ministerien, aber der Rest des Staatsapparats gehörte der CDU/CSU. Die FDP hatte sich das Auswärtige Amt einverleibt. Schröders Sieg empfand Bonn wie einen Putsch. Er mochte die Stadt nicht – sie war, was Hannover angedichtet wurde, die Hauptstadt des Nichts.

Und Berlin? Als der neu gewählte Bundeskanzler aus seiner vorübergehenden Wohngemeinschaft am Bonner Venusberg – im Gästehaus des Auswärtigen Amts, das offenkundig eingerichtet worden war von einem orientalischen Bordellbesitzer: dunkelbraune Flokati-ähnliche Teppiche im Schlafzimmer, Bettdecken im satten Orange, bronzefarbene Metallic-Tapeten (das ist wirklich wahr!) – als Gerhard Schröder also umzog nach Berlin in die Pücklerstraße im abgelegenen Dahlem, musste er feststellen, dass er im Grunde genommen ein Dorf vertauscht hatte mit einer Dorfagglomeration.

Berlin, das ist bekannt, gibt es eigentlich gar nicht, da gleicht es Bonn als Hauptstadt, sondern es ist ein Ballungszentrum aus vielen kleinen Städten und einverleibten Dörfern, dem man nicht ansieht, dass es vor 100 Jahren einmal die größte Industriestadt Europas war. Die ökonomische Verfallsgeschichte nach 1945 hat fast alle Spuren jener Produktivität ausgelöscht, übrig sind die Villen der ehemaligen Besitzer, vergessener Ufa-Stars und wirklich großzügige Altbauwohnungen in der Nähe des Kurfürstendamms, der sich nicht entscheiden kann, ob er eine Luxus-Meile oder ein T-Shirt-Schnäppchen-Boulevard sein soll.

Wer nach Berlin zieht und nicht zum politischen Establishment gehört – das heißt in der Nähe des Reichstags oder des Kanzleramts wohnen muss –, der kann sich seinen „Kiez“ aussuchen. Berlins wirkliche Stärke liegt in Wilmersdorf, Charlottenburg oder Steglitz, in Kreuzberg, Friedrichshain, im stillen Pankow oder sonst wo – die Mieten sind überall niedrig, und das Ganze wird zusammengehalten von dem peu à peu in kosmische Dimensionen anwachsenden Mythos, dass in Berlin wieder etwas los sei. Aber was? Auf alle Fälle: Junge Menschen gibt’s genug, ganz anders als in Bonn, wo selbst die Studenten den Eindruck erwecken konnten, sie hätten ihre Rente schon fest berechnet.

Kurz nach der Wende glichen die Häuserwände am Prenzlauer Berg immer noch Filmkulissen aus Weltkriegsfilmen, die Einschusslöcher wirkten frisch und dramatisch. Inzwischen sind sie verschwunden, wie die seinerzeit studentischen Ur-Einwohner auch. Die Schicki-Micki-Welle macht auch vor ehrwürdigen Ruinen nicht halt. Die Künstler, Autoren und Studenten sind weitergezogen, Friedrichshain ist angesagt – vor kurzem noch das Wattenscheid der Hauptstadt.

Woher der fabelhafte Ruf des szenigen Berlin stammt, ist nicht ganz klar auszumachen. Die Opern? Der Bankenskandal? Die Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz? Die Debatte um den Palast der Republik? Tatsache ist, dass Berlin die wahrscheinlich einzige Stadt der Welt ist, die aus einer ritualisierten Selbstbemitleidung und sich als Witz tarnenden Nörgelei unermüdlich gute Laune generiert. Vielleicht ist das die Zukunft der ganzen Republik: nichts zu tun, aber das irgendwie doch schöpferisch-aktiv?

Die wesentlichste Voraussetzung dafür sind die Berliner Destillen, Bistros, Kneipen, Bars; alle jene Orte der Zufallsbegegnungen, die eine Hauptstadt bietet und die sie vom Stammtischmilieu des normalen Kleinstadtlebens unterscheidet. Eine Polizeistunde gibt es nicht, die Eule der Minerva kann bis zum Morgengrauen fliegen und bisweilen landet sie auch Ideen sprühend auf einem Tresen. Die Stadt hat literarische Salons, weil es Literaten gibt. Sie hat eine Architekturdebatte, eine Hochschuldebatte, eine Graffitidebatte, drei bis vier Schwulendebatten, hunderte von Kinos, geniale Hütchen-Spieler aus der Ukraine, mumifizierte Autonome aus den 60er Jahren; kurzum, ein gewisses Etwas, das die Schwaben, die immer noch in Scharen in die Stadt ziehen, in ihrer Heimat vermissen.

Eine Hauptstadt, in der sich mehrere Millionen Bürger einfinden, um zwei Ausstellungen, eine über moderne Malerei, eine über Goya, zu betrachten, eine Stadt, die sich mehrere Goethe-, Schiller- und Beethoven-Straßen leistet, und in der wahrscheinlich mehr Türken als Deutsche in Schrebergärten wohnen – kurzum, in dieser wundersamen Ansammlung von 3,5 Millionen Bürgern, fällt die Anwesenheit der Regierung eigentlich gar nicht auf, jedenfalls nicht mehr als das stille Wachstum der russischen Gemeinde zwischen Kant- und Pariser Straße. Irgendwann einmal war die Rede davon, dass Berlin so wie Paris oder London werden würde. Gott behüte. In Wirklichkeit ist Berlin wie Deutschland. Genauer, wie Ostdeutschland.

Der Autor war von 1998 bis 2000 Staatsminister für Kultur und ist heute Herausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“. Dieser Text und weitere Beiträge zum Thema „Triumph der Stadt“ erscheinen in der neuesten Ausgabe des Magazins „Die Zeit Geschichte“, das ab 29. September am Kiosk erhältlich ist.

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