Berlin : Hauptstadt-Kultur: Die Konkurrenz der ungleichen Schwestern

Brigitte Grunert

Zwischen der Deutschen Staatsoper Unter den Linden und der Deutschen Oper Berlin in Charlottenburg liegt ein fast kerzengerader Weg. Kultursenator Christoph Stölzl will die ungleichen Schwestern gewissermaßen an den Haaren zusammenflechten. Sie wollen das nicht. Jetzt springt Kulturstaatsminister Michael Naumann der Staatskapelle und Daniel Barenboim mit 3,5 Millionen Mark bei. Allerdings hat die Linden-Oper damit vorerst nur Luft für 2001. Erst kürzlich trat der Kulturkaufhaus-König Peter Dussmann mit dem Vorschlag auf den Plan, das Eigenleben der Staatsoper mit je drei Millionen Mark in den nächsten Jahren zu retten: eine aus seiner eigenen Tasche, die zweite von Sponsoren, die dritte durch höhere Eintrittspreise.

Seit der Einheit wurde Manches neu sortiert, abgebaut oder verschmolzen, was Berlin aus der Zeit der Teilung doppelt hatte. Aber die seit 1990 virulente Frage, ob Berlin drei Opernhäuser braucht, hat mit der Teilung gar nichts zu tun, sondern mit chronischem Geldmangel des Senats. Alle drei haben sie ihre Traditionen mit Glanz und Gloria vor der Teilung begründet.

Die Staatsoper hat die älteste Tradition. Sie ist aus der Hofoper Friedrichs II. hervorgehoben. Überhaupt war sie das erste Theater Deutschlands, das nicht in einem Schloss untergebracht war, sondern ein eigenes Haus erhielt. Preußens König ließ sie als "Königliche Opernhaus" von Georg von Knobelsdorf bauen. Zur Eröffnung ließ er am 7. Dezember 1742 "Cleopatra e Cesare" von Carl Friedrich Graun, seinem berühmten Hofkomponisten, aufführen. Die Französische Revolution brachte eine Zäsur. Am 5. Augst 1789 spielte die Königliche erstmals für Eintrittsgeld. Nach der Revolution von 1918 wurde aus der Hofoper die Preußische Staatsoper. Erst nach Kriegsende bekam sie 1945 den Namen Deutsche Staatsoper.

Drei Mal wurde das Haus zerstört und wieder aufgebaut: nach dem Brand vom 18. August 1843 durch Carl Ferdinand Langhans, zweimal nach den Bombardierungen 1941 und 1945. Nach dem Krieg meldete sich die Linden-Oper bereits am 16. Juni mit einem Konzert im Haus des Rundfunks in der Masurenallee zurück. Dann bekam sie im sowjetischen Sektor den Admiralspalast am Bahnhof Friedrichstraße als Spielstätte. Am 4. September 1955 wurde das wiederhergestellte Haus Unter den Linden mit Wagners "Meistersingern" neu eröffnet. Der Senat übernahm 1990 die 1983 bis 1986 komplett renovierte Oper. Das 250-jährige Bestehen beging man feierlich im Zeichen der Einheit.

Der "Berliner Westen" war keine Erfindung der geteilten Stadt. Schon vor der Jahrhundertwende hatte er seinen Namen weg, als er noch längst nicht zu Berlin gehörte. Gemeint war die vornehme Gegend um den Kurfürstendamm, wo der Geld- und Geistesadel wohnte. Charlottenburg war damals die reichste Stadt Preußens. 1912 leistete sich Charlottenburg eine eigene Oper als Gegenstück zur Königlichen Oper, das "Deutsche Opernhaus", ein Gegenstück zur Königlichen Hofoper; Operetten spielten eine große Rolle.

Alles schon mal dagewesen: Die Inflation brachte das Haus in der Bismarckstraße in arge Geldschwierigkeiten. Die Stadt Berlin sprang ein. Sie übernahm es 1925 als "Städtische Oper". Bei den Nazis wurde daraus die "Deutsche Oper", und sie wurde direkt dem Propagandaminister Goebbels unterstellt. Beim großen Bombenangriff im November 1943 fiel sie in Schutt und Asche. Seit dem Sommer 1945 lag Charlottenburg im britischen Sektor von Groß-Berlin, und dort sollte dieses Musiktheater bleiben. Im kaum beschädigten "Theater des Westens" in der Kantstraße bezog die Charlottenburger Oper am 4. September 1945 Asyl; zur Premiere gab es Beethovens "Fidelio". Sie blieb dort als Deutsche Oper Berlin bis zur Eröffnung des wiederaufgebauten des Stammhauses in der Bismarckstraße am 24. September 1961 mit Mozarts "Don Giovanni". Das war wenige Wochen nach dem Mauerbau.

Die Komische Oper dagegen ist ein Kind der Nachkriegszeit, das die Sowjetische Militäradministration und der Magistrat von Groß-Berlin aus der Taufe gehoben haben. Das Gebäude der Komischen Oper in der Behrenstraße war der Platz des 1898 gegründeten Theaters Unter den Linden. Auch dieses Haus wurde im Krieg stark zerstört. Die Russen gaben den Befehl zum Wiederaufbau. Aus den Trümmern stieg die Komische Oper. Walter Felsenstein inszenierte zur hoffnungsfrohen Premiere am Tag vor Heiligabend 1947 "Die Fledermaus" von Johann Strauß. Unter Felsenstein, der bis 1975 wirkte (und lange im Westen wohnte) lief die Komische Oper der traditionsreichen Staatsoper den Rang ab.

Im Gegensatz zu den drei Opern war das Theater des Westens, das 1896 bereits unter diesem Namen eröffnet wurde, von Anfang an in Privatregie, ein Haus der leichten Muse. Der Berliner Senat (West) überließ das Theater des Westens seit 1961 Pächtern und machte 1978 eine GmbH daraus.

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