Berlin : Hauptstadt unterwegs: Der Senat reist nach Hamburg

Ulrich Zawatka-Gerlach

Der Berliner Senat geht fremd. Er tagt heute, ab 10.30 Uhr, im Hamburger Rathaus gemeinsam mit den Senatskollegen der Hansestadt. Diepgen & Co. fahren mit der Eisenbahn hin und zurück. Ab Bahnhof Zoo benötigen sie dafür zweieinhalb Stunden. Der Transrapid steht nicht zur Verfügung, und das ist eines der vielen Themen, die besprochen werden sollen: Die Beschleunigungder Bahnverbindung Berlin-Hamburg. Auf der Tagesordnung stehen außerdem die wirtschaftliche Zusammenarbeit, der Länderfinanzausgleich, die Tourismuswirtschaft, Stadtentwicklung und Denkmalpflege, aber auch die Verwaltungsreform, die Ausländer- und Arbeitsmarktpolitik.

Eben alles, was Großstädte interessiert. Zusammengefasst in einer gemeinsamen Senatsvorlage zur "Metropolen-Kooperation Berlin-Hamburg". Auch wenn die Beziehungen zwischen den beiden größten Städten Deutschlands, die den nordostdeutschen Raum beherrschen und sich beide als "Tor zum Osten" verstehen, relativ gut und eng sind, gibt es doch eine natürliche Konkurrenz. Vor eineinhalb Jahren sagte der ehemalige Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi (SPD), dass "die Beziehung zu Berlin im Risiko nicht klar genug eingeschätzt wird". Als Zentrum der Nachrichtenmedien und der Kultur werde die Hauptstadt der Hafenstadt den Rang ablaufen. Die Attraktion Berlins gegenüber dem Standort Hamburg werde ohne Zweifel zunehmen.

Auf wirtschaftlichem Gebiet stehen beide Städte nun einmal im Wettbewerb. Mit Argusaugen wird auf die Ansiedlungspolitik des jeweiligen Nachbarn geschaut. So reagierte Hamburg kürzlich verärgert auf den Umzug des Musikkonzerns Universal nach Berlin. Die hiesigen Wirtschaftspolitiker verwiesen auf die Sogwirkung der hauptstädtischen Kultur. Die Hanseaten nahmen an, dass finanzielle Förderzusagen den Ausschlag gegeben haben. Wie auch immer: Im Metropolen-Kooperationsabkommen, das heute beschlossen wird, versprechen beide Städte, sich gegenseitig keine Unternehmen mehr abspenstig zu machen.

Das Treffen der beiden Stadtstaatenregierungen war vor einem Vierteljahr zwischen dem Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) und Hamburgs Erstem Bürgermeister Ortwin Runde (SPD) verabredet worden. Die Große Koalition aus Berlin und das rot-grüne Hamburger Regierungsbündnis sitzen heute um einen Tisch. Das wird der Einigkeit in vielen Fragen keinen Abbruch tun. Die institutionelle Zusammenarbeit ist längst erprobt. Schon vor zweieinhalb Jahren veranstalteten die Industrie- und Handelskammern ein gemeinsames Stadtgespräch und im Januar trafen sich die Finanzsenatoren von Berlin, Hamburg und Bremen und waren sich einig: Die Stadtstaatenwertung beim Länderfinanzausgleich muss in voller Höhe erhalten bleiben.

Die zweieinhalb Stunden bis zum Hamburger Hauptbahnhof vertreibt sich der "rollende Senat" im Konferenzwagen der Deutschen Bahn mit einer ganz normalen Senatssitzung. Im Mittelpunkt steht die Love Parade, die in keinem Fall nach Hamburg umsiedeln wird. Vielleicht reist das Diepgen-Kabinett demnächst auch nach Bremen, dem dritten Stadtstaat im Bunde. "Hauptstadt unterwegs" nennt Senatssprecher Michael-Andreas Butz die neue Form der Reisediplomatie.

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