Hauptstadtwirtschaft : Berlin liegt total im Trend

Nie kamen so viele Touristen, die Bevölkerung nimmt seit fünf Jahren zu, und neue Arbeitsplätze entstehen auch endlich. Nicht nur während der laufenden Fashion Week zeigt sich, warum das Modell Berlin immer erfolgreicher wird.

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Es geht langsam, man merkt es kaum, doch offenbar ändert sich die Lage in Berlin zum Besseren. Damit ist weniger die Gefühlslage gemeint. Die ist ohnehin seit Jahren positiv mit selbstironischen Zügen. Das Positive kommt von Großgruppen junger Leute, die die Stadt zum persönlichen Abenteuerspielplatz und Lebenslaboratorium gemacht haben – und natürlich vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit, der den Berlinern jahrelang eingebläut hat, wie wichtig die Touristen sind. Das Selbstironische kommt von den Berlinern, es ist genetisch bedingt.

Doch über diese „Du bist so wunderbar, Berlin“-Gefühlslage hinaus weisen notorische Optimisten neuerdings auf schwer zu widerlegende Zeichen grundlegender Besserung hin. In den vergangenen fünf Jahren sind der Arbeitssenatorin Carola Bluhm zufolge hunderttausend neue Arbeitsplätze entstanden. Seit fünf Jahren nimmt die Stadtbevölkerung kontinuierlich zu. Die Zahl der Besucher steigt und steigt. Im Mai 2010 kamen 841000 Gäste in die Stadt, 9,3 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Mehr Menschen, mehr Jobs, mehr Einnahmen, mehr Mund-zu-Mund-Propaganda verändern die Stadt. Das ist schwerer zu messen als die Zahl der Hotelübernachtungen. Steigende Mieten in den Innenstadt-Bezirken verändern deren Bewohnerschaft. In der Alten Schönhauser Straße hat das amerikanische Trendmode-Label „American Apparel“ vor ein paar Monaten seinen ersten „Kids- Store“ eröffnet. Bis dahin hatte „American Apparel“ vor allem Kapuzenjacken-Träger angesprochen, die Stil, ökologisches Bewusstsein und ihre Liebe zu Los Angeles zum Ausdruck bringen wollten – nicht nur in Berlin, auch in Frankfurt oder Köln. Einen Kids Store aber gibt es nur in Berlin. Zur Eröffnung zitierte der Branchendienst „Fashion United“ Marsha Brady, eine Mitarbeiterin von „American Apparel“: Man ziehe in eine Gegend, „in der eine internationale, vielfältige Kultur sich mit der Kunstszene mischt, und wo sich zunehmend Familien ansiedeln, die einen einzigartigen Ort suchen, um ihre Kinder aufwachsen zu lassen“.

Das ist Werbedeutsch, aber man ahnt, was gemeint ist. Kinder und Kultur, Lebensstil und Geld, American Apparel und Biomarkt – das ist im neuen Berlin das innerstädtische Gegengewicht zu den Bezirken, die die Stadt zur Hartz- IV-Metropole gemacht haben. Die sind verarmt, als und weil der Stadt die großen Fabriken, die verlängerten Werkbänke aus Teilungszeiten, die Produktionsstätten für Filterzigaretten und Ähnliches abhanden kamen. Die Bezirke der neuen, schicken Bürgerlichkeit dürften diejenigen sein, deren Bewohner in den neuen festen Jobs ihr Geld verdienen.

Die viel gerühmte „Kreativszene“ aus Mitte, Prenzlauer Berg und Kreuzberg-Friedrichshain kann auf bessere Zeiten hoffen. Die Modemacherinnen und Einrichtungsladenbetreiber, die T-Shirt- Designer und die Maler bekommen es so langsam mit einer Kundschaft zu tun, von der man leben kann.

Ehrlicherweise muss man sagen: Schon in den neunziger Jahre hatte es mal so ausgesehen, als werde Berlin zur Boomtown. Das animierte damals Senatoren zu Visionen von einer Fünf-Millionen-Einwohner-Metropole. Tatsächlich ging es abwärts – wie in allen Nachkriegsjahrzehnten. In den Fünfzigern hatte die Bevölkerung leicht abgenommen auf rund 3,3 Millionen. Der Mauerbau und die, nett gesagt, eingeschränkten Lebensperspektiven ließen die Stadtbevölkerung bis Mitte der Achtziger weiter schwinden – auf drei Millionen. Damals kamen Leute, die eher Freiheit im Sinn hatten als Karrieren. Als die Mauer fiel und Minister, Abgeordnete, Parteibürokraten, Lobbyisten und Verbandsgeschäftsführer kamen, machte sich das in der Bevölkerungsstatistik nicht wirklich bemerkbar – die pendelte sich bei 3,3 Millionen ein –, bis vor fünf Jahren ein nicht ganz leicht zu erklärendes Wachstum begann. Inzwischen zählt das Statistische Landesamt 3,44 Millionen Menschen – „der Zuwachs im Jahr 2009“, schreiben die Statistiker, „wurde von einem Wanderungsgewinn gegenüber dem übrigen Bundesgebiet (18900 Personen) bestimmt“.

Es ist, als habe sich eine Botschaft weit verbreitet: Hier kann man ganz gut leben. Und man kann das notwendige Geld auch hier verdienen. Dem jüngsten Wirtschafts- und Arbeitsmarktbericht des Senats zufolge sind es neben der Pharmaindustrie „innovative und technologieorientierte Industrieunternehmen“, etwa in Adlershof, die sich in der Krise gut halten konnten. Dazu kommen Dienstleister aller Art. 1978 kamen die Leute zum „Tunix“-Kongress in die Stadt, es ging um alternative Lebensformen. Heute boomt in der Stadt alles, was mit Kongressen zu tun hat – und Branchen wie die Gesundheitswirtschaft oder die Biomedizin verzeichnen Wachstum. „Die Beschäftigtenzahl hat sich in den Medizintechnikunternehmen gegen den bundesweiten Trend des verarbeitenden Gewerbes positiv entwickelt“, heißt es lakonisch im Wirtschafts- und Arbeitsmarktbericht.

Es ist wie mit der Mode: Wowereit setzt in einer blühenden Szene einen Akzent, holt die „Bread and Butter“-Messe zurück – und beschleunigt damit die ganze Entwicklung: Die Stadt ist voller schöner Frauen, die Zahl der Träger ausgebeulter Jogginghosen hat stark abgenommen.

Fast möchte man in dieser punktuellen politischen Aktion einen Beweis für ausgefuchstes strategisches Handeln sehen. Dazu kommt der Wachstumsfaktor Kita-Betreuung. Paare mit Kindern müssen sich in Berlin, anders als in vielen westdeutschen Städten, keine großen Gedanken darüber machen, ob eine oder einer jahrelang gar nicht arbeiten kann.

Wie viel das alles mit Politik zu tun hat – darüber könnte ein konstruktiver Streit beginnen. Bei allen berechtigten Vorwürfen gegenüber der Bräsigkeit des Senats in Sachen Mieten, Mediaspree oder Tempelhof muss man sagen: Konzentrierte Förderpolitik für Unternehmer, die nach vorne denken, begleitet von einer Propaganda, die Hauptstadt, Historie und das bewährte Motto „Keine Sperrstunde“ an die Leute bringt – es funktioniert.

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