Berlin : Haus der Demokratie

Axel Schultes und Charlotte Frank über ihr Kanzleramt

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Von Bernhard Schulz

Tausende von Neugierigen haben es unlängst wieder besichtigen dürfen: das Kanzleramt. Der Neubau für den Regierungschef findet stets das größte Interesse bei den Tagen der offenen Tür, die die Berliner Republik in regelmäßigen Abständen anbietet, anbieten muss. Politik ist transparent geworden, und die Orte, die allabendlich als Hintergrund für Politikergesichter über den Bildschirm flimmern, will das Volk als Souverän mit eigenen Augen sehen.

Den medialen Auftritt haben Axel Schultes und Charlotte Frank, die Architekten des Kanzleramtes, einkalkuliert, auch wenn sie es so nicht formulieren mögen. Sie sprechen lieber davon, der Demokratie eine Form, dem abstrakten Vorgang des Regierens einen baulich-sinnlichen Ausdruck geben zu wollen. Ja, Schultes scheute sich nicht, bei der Schlüsselübergabe an den neuen Hausherrn am 2. Mai 2001 von einem „republikeigenen Enthusiasmus“ zu sprechen – einem Enthusiasmus, den die Architekten selbst vielleicht am stärksten verkörpern.

Ihrem Werk – so, wie sie selbst es sehen – haben sie jetzt ein opulent bebildertes und geistreich gestaltetes Buch gewidmet, das nicht als kritische Würdigung zu verstehen ist, sondern als – durchweg sympathische – Selbstfeier. Nicht alles glückte so, wie die Architekten es wollten, vor allem fehlt ihnen der ersehnte Bezug des Kanzleramtes zu einem unmittelbar gegenüber liegenden „Bürgerforum“, für das der Bundestag keine Notwendigkeit erkennen mochte und, offen gesagt, die damit angesprochene Öffentlichkeit ebenso wenig. Der mächtige Amtsbau hat sich bereits verselbstständigt, er ist, wie Schultes ahnungsvoll sagte, „schneller als gedacht in seiner eigenen Zeit angekommen“. Von der vermeintlich bedrohlichen Größe, womöglich gar teutonischen Schwere, redet niemand mehr. Schlagartig mit dem 2. Mai 2001 ist das Gebäude gelebte Gegenwart geworden, und kein größeres Indiz für die gelassene Selbstverständlichkeit, die ihm seither begegnet, könnte es geben als die Besucherschlangen vor seinen Pforten.

Die waren noch nicht im Bild, als das Gebäude für das vorliegende Buch fotografiert wurde, sie würden aber mit der heiteren Leichtigkeit dieser Aufnahmen bestens harmonieren. Hier, so will das Buch sagen, hat die viel beschworene „Demokratie als Bauherr“ ihren schönsten Erfolg errungen. Und wer immer noch von der „Arroganz der Macht“ sprechen wollte, entdeckt auf der doppelseitigen Abbildung des Kanzlerbüros im großen Fenster das sonnig verschleierte Bild des Reichstages, Sitz des Bundestages, von dem der Kanzler ins Amt gewählt wird. Wer immer hier künftig einmal Platz nimmt, er wird die demokratische Legitimation seiner Macht stets im Auge behalten. Kurzum, ein Buch, das dem Gebäude und vor allem dem Geist, in dem es entworfen wurde, rundweg angemessen ist.

Axel Schultes, Charlotte Frank: Kanzleramt Berlin. Edition Axel Menges, Stuttgart 2002. 240 Seiten, 68 Euro.

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