Berlin : Haus der Geschichte will Tränenpalast übernehmen

Bonner Chefkurator hat Interesse an Dependance an der Friedrichstraße. Friedbert Pflüger sieht gute Chancen für Finanzierung

Ralf Schönball

In der Debatte um die zentralen Orte des Mauergedenkens tritt das Bonner Haus der Geschichte für eine größere Bedeutung des Tränenpalastes ein. „Er ist einer der wenigen authentischen Orte in Berlin, wo die frühere Grenze und die deutsch-deutsche Teilung anschaulich thematisiert werden können“, sagt Ausstellungsdirektor Jürgen Reiche. Die in Bonn ansässige Stiftung Haus der Geschichte könne auf „umfangreiche Sammlungsbestände“ zurückgreifen. Neben einer dauerhaften Ausstellung mit zeitgeschichtlichen Objekten aus DDR-Zeiten könne der Tränenpalast auch als „kleine Dependance“ Wechselausstellungen der Stiftung zeigen.

Das „Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ hat neben seinem Hauptsitz in Bonn auch einen Standort in Leipzig. Die Stiftung dokumentiert deutsche Nachkriegsgeschichte. In Berlin zeigt sie gegenwärtig im Jüdischen Museum eine Ausstellung über die Vertreibung und im Kronprinzenpalais eine multimediale Schau über Rockmusik und deren Rezeption in beiden deutschen Staaten. Im Fundus der Stiftung befindet sich unter anderem ein Kontrollhäuschen aus DDR-Zeiten, das der Kurator einst im Tränenpalast abbauen ließ. Zusammen mit anderen Objekten könnte es Teil eines anschaulichen „Informations-, Erinnerungs- und Gedenk-Ortes zu Aspekten der Herrschafts- und Grenzgeschichte der DDR“ werden, sagt Reiche.

Der Chefkurator machte zugleich deutlich, dass es „Unsinn wäre, einen Gedenk-Ort gegen den anderen auszuspielen“. Er befürworte den Ausbau der Bernauer Straße als eine der zentralen Stätten des Gedenkens. Als Vorzug des Tränenpalastes nennt er dessen zentrale Lage und die Nachbarschaft zum Bahnhof Friedrichstraße, wo täglich zehntausende Menschen ein- und umsteigen. Hier könne der „Durst“ der vielen Berlin-Besucher nach zentralen zeitgeschichtlichen Orten bestens gestillt werden.

Der Berliner CDU-Fraktionschef Friedbert Pflüger sagte dem Tagesspiegel: „Wir wollen die Gedenkstätte Bernauer Straße aufwerten, wollen aber mit dem Tränenpalast außerdem ein sichtbares Zeichen des Gedenkens im Zentrum der Stadt.“ Das bestehende Gesamtkonzept des Senats sei eine „Diskussionsgrundlage, aber es hat Schwächen“. Zur Aufwertung der Bernauer Straße schlägt Pflüger die Umbenennung des U-Bahnhofes Nordbahnhof in „Gedenkstätte Bernauer Straße“ vor. Ferner müssten im Zentrum der Stadt die Mauerkreuze am Reichstag stärker hervorgehoben werden. Pflüger schlägt ferner vor, die Umsetzung des Gesamtkonzeptes von einer Kommission aus Historikern und Politikern begleiten zu lassen.

Aus Sicht des CDU-Spitzenpolitikers drängt die Zeit: Nicht erst im Jahr 2011, sondern bereits 2009 solle das Gesamtkonzept realisiert sein. Der 20. Jahrestag des Mauerfalls in zwei Jahren sei das richtige Datum des Gedenkens – und nicht etwa der 50. Jahrestag des Mauerbaus im Jahr 2011.

Zur ungewissen Finanzierung des Gesamtkonzeptes sagte Pflüger: „Jedem ist klar, wie wichtig das Mauergedenken ist.“ Wenn man sich auf eine gemeinsame Konzeption einige, „dann wird sich der Bund auch deutlich beteiligen“. Der frühere Bundestagabgeordnete hat bereits ein Gespräch über das Gedenkkonzept mit Kulturstaatsminister Bernd Neumann geführt und seine Vorschläge in einem Brief an seinen Parteifreund zusammengefasst. „Und die Berliner CDU-Fraktion bleibt in diesen Prozess auch weiterhin eingebunden“, sagt Pflüger.

Der Senat hält bisher an seinem Gesamtkonzept fest, das eine zentrale Stätte an der Bernauer Straße vorsieht, und verweist auf entsprechende Beschlüsse im Abgeordnetenhaus und im Bundestag. Beide Parlamente hatten das vom früheren Kultursenator Thomas Flierl (PDS) entwickelte Konzept befürwortet.

Michael Cramer, Europaabgeordneter der Grünen, lehnt den Vorstoß der CDU ab, den Tränenpalast zu einem zentralen Ort des Mauergedenkens zu machen. Als Berliner Abgeordneter hatte sich Cramer stark gemacht für das Gedenken an die Berliner Mauer. „Wenn man in die Mitte der Stadt hätte gehen wollen, dann wäre der Checkpoint Charlie der richtige Ort gewesen“, sagt Cramer.

Beim Deutschen Historischen Museum würde man die Kollegen aus Bonn willkommen heißen: „Wir arbeiten schon heute hervorragend zusammen“, sagt Sprecher Rudolf Trabold.

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