Berlin : Haus ohne Hüter

Ein Besuch in der Baubehörde am Tag des Rücktritts

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„Wo sind die Raketen?“, ruft ein Sachbearbeiter, als er mittags mit anderen Kollegen im Aufzug der Senatsbauverwaltung vom Rücktritt des Chefs hört. „Er hatte den Rasti gemacht.“ Als er die ratlosen Blicke sieht, erklärt er: „Rasti machen heißt: Von heut’ auf morgen abhauen – wie ’83 Bausenator Ulrich Rastemborski. Der ging ins Kloster.“

Die Nachricht ist zwei Stunden alt, doch das Personal im Hochhaus an der Württembergischen Straße in Wilmersdorf ist noch weitgehend ahnungslos. „Zurückgetreten? Da werde ich morgen wohl mit schwarzem Anzug kommen müssen“, sagt ein Abteilungsleiter in der hauseigenen Kantine – und lächelt. Es gibt „mexikanisches Schüttelfleisch“. Als habe der Koch dem Senator, der erst kürzlich aus Mexiko zurückgekehrt ist, einen letzten Gruß servieren wollen.

Aber Strieder ist bis mittags noch gar nicht in seinem Büro im 14. Stock gewesen, nach Kantinenessen steht ihm auch nicht der Sinn. Engste Mitarbeiter erfuhren von der Rücktrittsabsicht am Abend zuvor, bewahrten Stillschweigen. Der Chef kündigte für seinen letzten Arbeitstag noch einen Kurzbesuch an – zur Leitungskonferenz. Um sich zu verabschieden.

Die ganze Chefetage mit den Räumen der Staatssekretäre wirkt wie ausgestorben, so leer wie weite Teile des Hauses, das immerhin als größte Senatsbehörde mehr als 2000 Mitarbeiter zählt. Aber es sind Osterferien. Die Nachricht vom Rücktritt des Chefs sickert von oben etagenweise herab, die Männer in der Pförtnerloge gehören zu den letzten, die sie erreicht. „Die Kleinen müssen zum Arbeitsamt“, sagt einer, „aber der. . .“

Strieder ist hier häufig „der“. So richtig beliebt war er im Haus nicht, sagen die Leute beim Mittagessen. „Aber kaum einer der Bausenatoren war beliebt, vielleicht zuletzt Harry Ristock“, erinnert sich ein altgedienter Bauleiter. „Der bot den Besuchern immer einen Schnaps an.“ Aber Strieder? Kompetenz wird ihm bescheinigt. Respekt hat ihm eingebracht, dass er sich wieder an den Autobahnbau herangewagt hat oder auch die Nach-Subventionierung des Sozialen Wohnungsausbaus ohne Murren stoppte. Verübelt wird ihm von vielen, dass er die Organisation gestrafft, Abteilungen aufgelöst, Führungskräfte degradiert hat.

Die Tempodrom-Affäre, die Strieder in die Fänge nahm, ließ die meisten Mitarbeiter des Hauses kalt. Weit verbreitet war die Meinung: Der ist Jurist, der steht das durch! Dass er den „Rasti“ macht, hat viele im Haus dann doch verblüfft. C. v. L.

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